

Andrea Karimé
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buchstabenrascheln
andrea karimé, kinderbuchautorin
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Aktualisiert: 18. Apr.
(Minigeschichten und Notate vom Tag, von einer die für Kinder schreibt, geschrieben in Zeiteinheiten, in denen sie nicht für Kinder schreibt. Ein- oder zweiwöchentlich als Blogartikel namens #tagebuchstaben. Meistens mit Wolken und Morgenkaffee. Immer mit #kidsbookswritersmoments und einem Montagsgedicht.)

Die Notizen aus den letzten zwei Wochen kidsbookswriterslife enthalten Furcht und Trotzdems, eine schwer verletzte Taube, eine schicksalhafte Kinderbuch-Manuskript-Abgabe, herzlicher Besuch aus der Schweiz, ein Gespräch mit einem arabisch-deutschen Kollegen, der mich „Kusine“ nennt, eine berührenden Schreibwerkstatt in Leverkusen, den Besuch einer Fotografin, den Wörterklebstoff von Agnieszka Lessmann und das Montagsgedicht „Die Fee namens Tschaiaiai“.
Gestern Gespräch mit den beherzten Veedelstauben. Von einer Taube gehört, die schwer verletzt erstbehandelt wurde und dann erschöpft vertrauensvoll in der menschlichen Hand eingeschlafen ist. Wusstet ihr, dass es ein Traumanest gibt? In das die Tauben gelegt werden, um sich zu erholen? Mit dieser herzlichen Energie schreibe ich weiter im Endspurt mit Rascha, Brek, und Viktor. Das Buch wirkt auf mich so "improvisiert". Aber es lassen sich trotzdem echte Karimee-Momente ausmachen. "Mir fiel ein, dass Herr Dusche neulich auch mal sagte: "Nicht immer ist die Welt zu verstehen. Damit müssen wir leben." „Ja, da hat er recht, und wir werden damit leben, inschallah!“, sagte Onkel Yunus. Ich drückte ihn fest. In seinem Bauch waren Herzschläge. Und ich hörte das Meer rauschen. Wie konnte jemand so gemein zu meinem Onkel Delfin sein?"

Ein Krokodil läuft an einer Hauswand hoch. Bald kommt das andere Buch. Ende des Monats soll das Cover feststehen. „Als ich wieder auf der Wiese stand, kam mir eine Idee. Eine große Frage schwamm in meinem Bauch. Ich schaute Amandel prüfend ins Gesicht. Ihre getuschten Wimpern sahen aus wie grüne Federn. Zederngrüne Federn. Zedernfedern, meinte Brek später. Amandel kaute Kaugummi und lächelte uns an. Trotzdem traute ich mich nicht, meine große Frage zu stellen. Nicht einmal Brek wusste davon.“

Anruf am Morgen von einem Kollegen, der mich Kusine nennt. Weil auch er arabischer Abstammung ist. „Meine Kusine, stell dir vor …“, so beginnen in der Regel seine Reden. Und dann erfahre ich meistens was Unglaubliches. „Von der Familie in der Heimat brauchen wir nicht zu reden!“, sagt er, als ich frage, wie es ihm geht. Natürlich nicht. Gruselflusen, dauerhaft, im Herz, würde meine Heldin Rascha sagen. (Die bald das Licht der Buchwelt erblickt mit ihren Weisheiten.) Gruselflusen auch während der Lesung gestern im Platz für alle in Mülheim. Semiya Şimşek und Gamse Kubaşık mit ihrem Buch „Unser Schmerz ist unsere Kraft“. „Heute kann ich keine Wurzeln mehr schlagen!“, sagt Semiya in der Lesung, die ihren Vater verloren hat. Ermordet von Nazis. Was es bedeutet, steht im Buch. Mit historischer Rahmung von Christine Werner. Nominiert für den Jugendliteraturpreis 2026. Kauft es, lest es, denn Semiya wünscht sich, dass es Bestseller wird und Gamze möchte, dass es Schullektüre wird.

Heute ist der Gedenktag für Mehmet Kubaşık, eines der Opfer des NSU.
Heute hat die Person Geburtstag, die mich sein Oktober 2023 gehosted, weil ich damals gesagt habe, dass ich auch Mitleid mit den palästinensischen Opfern habe. Seitdem Kontaktabbruch. Sie ist nun yonder. So sind die Zeiten. Ich sehe yonder graues Wolkendickicht und blaues Hochhaus mit rotem Flügel. Nicht hier nicht da. Hört sich nach romantic Hannes Wader an, ist aber eisige Gegenwart. Taubenpaar auf dem Dach. Immer wieder, obwohl es da sicher nichts zu futtern gibt. Heute lass ich mich fotografieren, morgen gehe ich wandern, Ostermontag mache ich Krafttraining und ab Dienstag befinde ich mich für 5 Tage im vergnüglichen Schreiben mit Kindern, also in Hoffnungsstunden. Ich habe Angst, und ich mache weiter. Da sind sie wieder, die Trotzdem-Tage. PLUS Gegenwarts-Furcht, die schon immer bei mir ist.

Deutsch genug?, fragt die Bochumer Fotografin Özlem Öztürk mit der Kamera. Die Frage die mich seit der Kindheit begleitet. Nava Ebrahimi schreibt in einer Poetikvorlesung "Wer ich geworden wäre, wenn alles ganz anders gekommen wäre": „Ich hielt mich lange für eine unmögliche Identität. Keine richtige Iranerin mehr – niemals eine richtige Deutsche!“. Unmöglich auch ich. Mit 10 träumte ich davon, dass mir jemand in einem Taxi den Pass aus den Händen reißt. Nicht nur einmal. Die Frage ploppt hier gerade jeden Tag auf. Mal in Form eines anonymen Unbehagens, mal als (Existenz-) Angst, wenn gewisse Entscheidungsträger öffentlich den Mund öffnen. Umso schöner, dass ich mit vielen anderen amazingdeutschen Leuten wie zum Beispiel Shai Hoffmann und Jouanna Hassoun Teil von Özlems Projekt sein darf. Das nimmt ein paar Steine aus der Herzgegend. Eigentlich hatte ich Özlem wegen neuer Kinderbuchautorinnenfotos kontaktiert. Sie tats, und nun hab ich beides Çok teşekkürler liebe Özlem. Means so viel to me. (Die Ausstellung beginnt am 29.8. im Kulturbunker Köln-Mülheim.)
Ich kann sowieso Deutsch. Es ist leicht. Man muss nur die polnischen und hebräischen Wörter von den Dingen und den Leuten abmachen und deutsche Wörter drankleben. Vielleicht war es das, was ich dachte, als ich mit 8 das erste Mal den Libanon besuchte. Und Wörter sammelte und in eine Tabelle eintrug: Ich, I, Moi, Ana, Ben. Agnieszka Lessmann jedenfalls inspiriert mich eine neue Poesie-Übung zu erfinden, für die Poetry-Clips, die wir im Spätsommer machen. Tauben und Wörter. Hamamat we Kalimat. Yunim u'milim. Dschinkuje und Toda, liebe Agnieszka.

Der "Osterferienschreibspaß" mit Kindern von 9-12 in Leverkusen ist fast zu Ende. Wir haben viel Kurzes geschrieben und gedichtet, viel gelacht und geflüstert, geklebt und gezeichnet. Ein paar Kinder schrieben an langen Werken: "Das sprechende Besteck" oder "Aram's Dreamhouse" oder "River". Am Dienstag klärte mich ein Mädchen über ihre Autismus-Spektrums-Störung auf, am Mittwoch erzählt mir eine Mutter of Color, dass sie die Kinder extra von Bergisch-Gladbach fährt, damit sie mal eine Kinderbuchautorin of Color kennenlernen. "Das kommt nicht oft vor, ist aber sooo wichtig!", sagte sie. Am Donnerstag empfehle ich einem kurdisch sprechenden Jungen das Casting für Tahsim Durguns Film und der Junge aus Ghana stellt für alle klar: Afrika ist kein Land! Am Freitag schreiben sich zwei Mädchen einen Hund herbei und Maria, die mit family Köln besucht, kommt einfach mit. Sie rettet das Zine von Yazid, tippt das Zusammen-Gedicht ab, macht sich Notizen und versorgt uns mit bester Laune. Das Zusammen-Gedicht frappiert uns: Wie alles passt. Von Fußballschuh bis Frieden. Im Kinder-Archiv. Vielleicht finden Aliens das Gedicht später, wenn die Erde so aussieht wie ein Teil von Südlibanon heute. Steinern, kaputt, ohne Leben. Nur noch das Geräusch von Tränen und das Zeugnis einiger junger Menschen, die sich vor Krieg gefürchtet haben, Hunde und Fußballschuhe wünschten und Antworten wollten.
Zusammen-Gedicht
Bin nicht müde Will nicht schlafen Brauche mehr Konfettiregen Will nicht Krieg Brauche mehr Frieden Wünsch mir Frieden Brauche mehr Ideen Wünsch mir Zeit Brauche mehr Antworten Will nicht nichts
Wünsch mir Hund Will nicht schlafen Will nicht mehr Brauche mehr Fußballschuhe Will nicht Krieg Brauche mehr normale Schuhe Brauche mehr Himmel Bin nicht leise Brauche mehr Antworten Bin nicht reich
Brauche mehr Süßes
Will nicht schlafen Wünsch mir Zuckerwattemomente
Wünsch mir Frieden
Bin nicht wütend
Bin nicht zwielichtig
Brauche mehr Meer
(Idee: Bassam Ghazi via Yasemin Aslanhan. Transkript: Maria Hächler, Osterferienschreibspaß mit Andrea Karimé und Schreibland NRW)

Tschaiaiai, die Fee
Tschaiaiai die Fee
mit Haaren aus Tee
läd jedes Jahr im Maiaiai
alle Wesen der Welt
an ihren See
es fließt aus ihren Haaren
Schalltee und Halltee
am Schluss etwas Knalltee
O no, Peng im Po
schnell alle aufs Klo
da ists vorbaiaiai
bis nächsten Maiaiai
(Tschai ist Tee in sehr vielen Sprachen: zB Bosnisch, Russisch, Türkisch Arabisch)
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