

Andrea Karimé
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buchstabenrascheln
andrea karimé, kinderbuchautorin
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Spielerisch die Mehrsprachigkeit in Schreibwerkstätten, Schule, Leseförderung, Literatur-Pädagogik und in der Bildung würdigen und sichtbar machen möchten immer mehr Menschen. Ich merks daran, dass ich viele Anfragen für Kreative Workshops für Multiplikator*innen erhalte. Und das finde ich sehr erfreulich. Hier gebe ich dir fünf Tipps aus 20 Jahren Erfahrung und Weiterbildung, wenn du in deiner Arbeit die Mehrsprachigkeit der Kinder in Deutschland würdigen und nutzen möchtest, um alle Kinder zu stärken.

MERKE: Prinzipiell ist es wichtiger, Differenziertes ÜBER Mehrsprachigkeit zu wissen, als Sprachen gut sprechen zu können. Methoden sind nicht so wichtig, wie eine eigene Wörtersammlung aus eingewanderten Sprachen. Und Bewusstsein und Haltung sind vertrauensbildendender als Vokabeln. Auch als einsprachige Person kannst du die Mehrsprachigkeit der Kinder in Deutschland sinnvoll und empowernd würdigen und nutzen; als mehrsprachige Person oder als PoC bringst du Vorteile für diese Arbeit mit.
Du willst die Mehrsprachigkeit in deiner Kita-Gruppe, Schulklasse, Deutschkurs, Schreibwerkstatt und Leseförderung würdigen? Das ist großartig. Denn Deutschland ist ein mehrsprachiges Land. 40 Prozent der unter-sechs-jährigen Kinder sind mehrsprachig, 30 Prozent der übersechsjährigen Kids. Wenn du eine mehrsprachige Person bist, weißt du das eh schon immer.
Kinder, die zwischen zwei Sprachen switchen, switchen auch zwischen zwei Kulturen. Das ist gelebte Empathie. Und was gibt es zur Zeit wichtigeres als Empathie und die Fähigkeit Brücken zu bauen? Wenn die Mehrsprachigkeit innerlich auf diese Weise würdigen kannst (und als einsprachige Person vielleicht auch ein bisschen neidisch bist), verschafft dir das die respektvolle Haltung, die mehrsprachige Kinder bestärkt und der sie vertrauen. Das ist dringend notwendig, da mehrsprachige Kinder leider immer noch in vielen Bereichen abgewertet werden. Vor allem, wenn sie nicht die prestigeträchtigen Sprachen Englisch und Französisch sprechen, sondern Arabisch, Türkisch, Kurdisch, Polnisch uvm.
"Vogel auf Bengali heißt Paki. Ich kann Deutsch und Bengali und ich komme aus Bangladesch. Und es kann sein, dass du Freunde hast, die richtig gut Deutsch sprechen und dann lernst du Deutsch von denen. So war es bei mir. Ich schreibe eine lange Geschichte über zwei Prinzessinnen." (Ruhi aus einer Schreibwerkstatt."In Europa wird einem Land eine Sprache zugeordnet. In Deutschland wird Deutsch gesprochen in Polen Polnisch, in Frankreich Französisch. So kommen wir zu der Annahme, dass ein Kind aus Afghanistan "Afghanisch", ein Kind aus Nigeria "Nigerianisch" und ein Kind aus Indien "Indisch" spricht. Diese Sprachen gibt es aber gar nicht. In fast allen Ländern der Kontinente Asien und Afrika gibt es sehr viele Sprachen. In Indien beispielsweise 200. Indisch gibt es nicht, aber Hindi, Malayalam, Bengali und Urdu, um mal ein paar zu nennen. In Afghanistan gibt es Dari und Paschtu als häufigste Sprachen, aber noch einige andere.
In Nigeria werden sogar 500 Sprachen gesprochen. Die können wir nicht alle wissen, aber wir können beachten, dass es Nigerianisch nicht gibt, und dass Yoruba, Igbo (gesprochen Ibo) und Haussa zu den häufigsten von Kindern in Deutschland gesprochen werden.
Das Wissen verändert deine Haltung. (Oft hilft Wikipedia.) Und du wirst gar nicht mehr auf die Idee kommen, zu fragen: "Du sprichst bestimmt Indisch!" Wie du stattdessen respektvoll herausbekommst was die Kinder für Sprachen sprechen erfährst du in den nächsten Punkten.

Wenn ich Kinder frage, welche Sprache neben Deutsch am meisten gesprochen werden, sagen sie in der Regel "Englisch". Stimmt aber nicht. Diese Sprachen sind die Top 10
Türkisch
Arabisch
Russisch
Polnisch
Kroatisch
Italienisch
Griechisch
Farsi/Dari (Persisch/Dari= eine Sprache in Afghanistan, mit ein paar Unterschieden zu Farsi, aber grundsätzlich verstehen sich die Sprachen.)
Kurmancî (eine der Kurdischen Sprachen)
Tigrinya (Sprache aus Eritrea)
Wenn du eine weiße Person bist, die einer interkulturellen Gruppe begegnet, empfehle ich dir, nicht so was zu fragen, wie "Ihr sprecht doch bestimmt sehr viele Sprachen? Erzählt doch mal!", denn damit stößt du möglicherweise an schmerzhafte Erfahrungen der Kinder. Nicht alle Kinder sind stolz auf ihre Mehrsprachigkeit, manche wollen einsprachig deutsch sein, sie schämen sich, sie haben gelernt dass ihre Sprache als "problematisch" geframt wird und vieles mehr. Sie halten ihr Potenzial deshalb zurück. Das gilt in der Regel nicht für Kinder, die die prestigeträchtigen Sprachen Englisch und Französisch sprechen, sondern die, die Arabisch, Türkisch, Kurdisch, Polnisch, Romanes. Außerdem signalisierst du als weiße Person mit so einer Frage gleich: Ich sehe, dass ihr anders seid als die Mehrheit. Und dieses "Andersgemachtwerden" tut weh. Ich sage das aus eigener Erfahrung. Es ist wie immer wieder gefragt zu werden: Wo kommst du her?, bloß weil vermeintlich "nichtdeutsch" aussehe. (Als Person of Color kannst du mit so einer Frage schon eher in eine diverse Gruppe hineingehen.) Punkt 2 und 4 zeigen dir, was du stattdessen machen kannst, um den Kindern zu signalisieren: "Alle Sprachen sind willkommen."
Eine andere Sache ist die, dass manche Kinder sagen: "Ich sprech das aber nicht so gut!" Macht nichts, denn ein paar Wörter haben alle Kids meistens parat. Und das macht den Unterschied.

Ich benutze eine immer mehrsprachige Begrüßung bei Lesungen und Workshops, Kindern zu signalisieren, dass Mehrsprachigkeit willkommen ist.
Wenn du einsprachig Deutsch in Deutschland aufgewachsen ist, konntest/ und kannst du dir in Deutschland in der Regel überall deiner Sprache sicher sein: In der Schule, in der Familie, in der Öffentlichkeit. Du wurdest sehr wahrscheinlich nicht abgewertet, niemand hat zu dir gesagt: Lern erst mal richtig Deutsch. Das ist ein Privileg. Aber der Zustand der Einsprachigkeit ist in der Welt eine Ausnahme. Viele Menschen lernen als ständig Verfolgte immer mindestens zwei Sprachen; jüdische Menschen, Kurden, Jesiden, Palästinenser*innen. Seit mindestens 60 Jahren wandern Menschen in Deutschland ein und bringen ihre Sprachen mit. Das Wissen um das Privileg uvm hilft zB Grammatik-Fehler und Unzulänglichkeiten bei Kindern nicht zu fokussieren, Akzente als selbstverständlich hinzunehmen.
Ein anderer Tipp in die Arbeit mit vielen Sprachen einzusteigen ist vorzulesen. Nämlich Kinder-Bücher, die mehrsprachige Hauptcharaktere haben. Mehrsprachigkeit ist Normalität in Deutschland, aber leider noch nicht in der Kinderliteratur. Deshalb hier drei Tipps zum Vorlesen.
Tipp 1 Planetenspatzen (Klasse 1-5) 27 Kindergedichte. In jedem Gedicht kommt ein Wort aus einer der häufigsten Einwanderinnensprachen vor. Hier gibts Beispiele.
Tipp 2 Tee mit Onkel Mustafa (Preisgekrönter Kinderroman mit einer mehrsprachigen Heldin. Klasse 3-6)
Tipp 3 Jokesi Club (Klasse 2-4). Buchreihe mit mehrsprachigen Detektiv*innen.

Eine Wörtersammlung ist wie die Begrüßungen ein schöner Ausgangspunkt um Kindern zu signalisieren, dass alle Sprachen wichtig und willkommen sind.
Beschrifte kleine Zettel mit ein paar Wörtern aus den häufgisten Sprachen und lege sie in eine Schachtel oder in eine Tasche. Ich benutze eine Tasche.
Dann sage ich: "Heute sammeln wir Wörter." Ich lese eins aus der Tasche vor und warte Reaktionen ab. So komm ich ins Gespräch und lass mir neue Wörter schenken, die ich oder die Kinder auf Zettel schreiben.
Hier meine kleine Einstiegs-Sammlung für dich:
Kusch=Vogel auf Türkisch
Salam=Frieden auf Arabisch
Baran=Regen auf Kurmancî, der häufigsten kurdischen Sprache in Deutschland
Sumka= Tasche auf Russisch
Taschakkor=Danke auf Farsi und Dari (Iran und Afghanistan)
Matschka= Katze auf Kroatisch (und Bosnisch und Mazedonisch und Serbisch uam)

Zu diesem Thema gibt es noch sehr viel zu sagen, zu empfehlen und zu inspirieren. Ich hab nur ein paar Spots aus 20 Jahren meiner Arbeit für diesen Artikel ausgewählt. Deshalb empfehle ich als allererstes die kurze, sehr unterhaltsame und informative Lektüre von "Die Macht der Mehrsprachigkeit" der Schriftstellerin Olga Grjasnowa um die von mir in Punkt 1 und 3 benannten Aspekte zu ergänzen, erweitern und vertiefen. Es hat mir Augen geöffnet. (Wenn du eine PoC bist hast du vielleicht ein großes Netzwerk und kannst viele Infos über Sprachen auf persönliche Weise erfragen.)

In meinem Blogartikel "Kreatives Schreiben mit Kindern und vielen Sprachen" erzählt die Lehrerin Maria Hächler, wie sie mit Wörtern aus vielen Sprachen mit Kindern ihrer Klasse gedichtet hat.
Im Blogartikel "Sprachen sind eine Welt" findest du viele Textbeispiele von Kids.
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Hast du noch Fragen? Schreib mir auf https://andreakarime.de/kontaktPlus.php
Liebe Grüße, Salams, Schaloms und Amanis sendet Euch Andrea Karimé












