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"das wort ist ein geschichtenbüro" erik, 4

Was kuckuckst du? Tagebuchstaben 11/26

  • Autorenbild: Andrea Karimé
    Andrea Karimé
  • 4. Aug.
  • 5 Min. Lesezeit

Tagebuchstaben sind

Minigeschichten und Notate vom Tag, von einer die für Kinder schreibt, geschrieben in Zeiteinheiten, in denen sie nicht für Kinder schreibt. Ein- oder zweiwöchentlich als Blogartikel namens #tagebuchstaben. Meistens mit Wolken und Morgenkaffee. Ob und wie ich mich schreibend einfinde. Was ich lese und wie das meine Buchstaben rascheln lässt. Immer mit #kidsbookswritersmoments und einem Montagsgedicht.

Drei bemalte Holzfiguren (Katze, Ente, Pinguin) auf Holzpfählen vor türkisblauer Wand mit bunten Pfotenabdrücken.
Reise nach Nordhessen, meine Heimat. Fotofundstück vor einer Kita.

Diese Woche/n erfährst du von Sommer-Ruhe der Stadt, die schnell zu heiß wird, Wort-Rascheln im Kur-Laub, ich schreibe von Ingeborg Bachmanns Wörtern und wie das grenzen so geht; ich erfinde eine neue Figur, reise nach Nordhessen und höre ein Buch von Olga Grjasnowa, das mir ein wenig zu nahe kam.


Montag, der 20.7.2026

Kuckuckst du? Oder amselst du? Ich borge mir einen Morgenton von Spatz. Die Stadt wird ruhig. Weniger Verkehr. Sommerferienruhe. Logisch, dass ich schon im Urlaub war. Denn nun kann ich zuhause in Ruh schreiben. Mit noch Kur-Laub im Sommerhaaar. Es ist kein Geheimnis, dass nun alles raschelt in meiner Kopftasche. Dass sich Stimmen von innen mit Geräuschen der Luft vernähen und auf das Blatt fallen. Sich zu einer Geschichte vernähen. Mein Blick fällt auf die Muschel, die auf meinem E-Piano liegt. Und aus der heraus nun Hamza Howdy rauscht: "Ich war fest davon überzeugt, dass die kleine Muschel die Kraft besaß, ferne Geräusche durch Raum und Zeit zu transportieren. … Sie lehrte mich, dass alle Stimmen dich erreichen können, wenn du nur zuzuhören weißt. Sie zeigte mir, dass Schönheit und Wunder in den kleinsten Dingen existieren, und dass es überall Geschichten gibt, in Gegenständen, die vom Meer angespült werden, in Gesprächen, die der Wind herüberweht, …"

Grün schimmernder Käfer auf hell gesprenkelter Oberfläche.
Nordhessen. Gestrandeter Rosenkäfer.

Dienstag, der 21.7.2026

Ich grenz noch an ein Wort und an ein andres Land, ich grenz, wie wenig auch, an alles immer mehr

Ingeborg Bachmanns Gedicht Böhmen am Meer ist in meine Buchstaben geraschelt und schon bin ich ruhig und flatterlich zugleich. Zugrund gerichtet, wach ich ruhig auf./ Von Grund auf weiß ich jetzt, und ich bin unverloren. Lachen des Nachbarn kracht auf Dach. Von Grund auf weiterschreiben. Ich borge mir eine Stunde Zukunft von diesen Worten. Sprache steht vor der Tür und sagt nichts. Nur das Meer in meinem Zimmer, immer. Das alles raschelt eben in Buchstaben. Und ich lese in Mails, dass ich das erste Mal auf dem evangelischen Kirchentag ein Mikro bekommen werde.


22.7.2026 (Meinbildung)

Ich schmeiße Blicke aus dem Fenster, sehe Milchgrau. Nicht Amselfon singing, sondern Wolke. So Meinbildung. Freudeseiten. Sag wer ich war/ im Rosenhaar. Da miauts/ da reibts/ da schreibts. Die Wölkchen flocken so freundlich. Bauschen rauschen

Erschöpfte Linien hängen leicht durch. Politik trau ich mich nicht schauen. 1956 schrieb Ingeborg Bachmann in ihrem Gedicht „Alle Tage“: Der Krieg wird nicht mehr erklärt,/ sondern fortgesetzt. Das Unerhörte/ ist alltäglich geworden. …

Was soll ich sagen, ich trau mich nicht schauen und machs doch. Wie sagt Rolla, meine neueste Heldin: „Ich bin schüchtern, wirklich. Niemand glaubt mir das. Weil ich auch frech bin. Mama sagt immer mein Pfirsichherz zu mir. Ich weiß warum. Weil ich ein Pfirsichherz hab. Leicht einzudrücken.“ 

  

Samstag, der 25.7.2026 (Rosenkäfer)

Ich lerne einen Roboter kennen. Den Mäh-mäh-Roboter meiner Mutter, sie nämlich hat ein kleines Haus, dass sie nun allein bewohnt, nachdem ihr Mann gestorben ist. Sie nennt den Roboter nach meinem verstorbenen Onkel. Das geht doch nicht, sage ich. Aber die Tante habe nichts dagegen. Und natürlich geht es. Schaue Onkel-Roboter hinterher, fasziniert, weil er zugleich fleißig und behäbig ist. Zäh. Ein Rosenkäfer knallt gegen die Glasfront der Terrasse und liegt reglos am Boden. Wo Robot-Onkel nicht hinkommt, glücklicherweise, denn tot ist der Käfer nicht. Vorsichtig drehen wir ihn. Zwei Beine erscheinen. Aber es dauert lang, bis die anderen rauskommen und er fliegt. Unweit der Unglücksstelle: Ein herzförmiges Rosenblatt und eine wolkenfarbene Vogelfeder.

Beige Fliesenwand mit wolkengrauer Feder und apricotfarbenem Blütenblatt in Herzform, sonst leer und still.
Natur-Lettern. (Reise nach Nordhessen.)

Montag, der 27.7.2027 (Schreibrichtung)

Nach dem Attentat in Berlin leite ich eine Schreibland NRW Sommerferien-Werkstatt. Zukunftsgeschichten in Erftstadt mit 4 Jungen und 6 Mädchen von 8-11 Jahren. Der Pommes-Alien sieht nur aus wie ein Pommes, du kannst ihn nicht essen, widerspricht M., als F meint: Deine Geschichte hat mir Appetit gemacht. Und V. berichtet aus dem "Kackleben von dem Würstchen". Mega, so F. schon nach der Überschrift. D. berichtet von seinem Schreibprozess: Die erste Seite habe ich nur so rausgekotzt und dann hat es Spaß gemacht.

Am Abend schreibe ich mit G. einen automatischen Text auf dem Balkon. Immer wenn es Sinn ergibt, ändern wir die Schreibrichtung, sagt G. und los geht’s, 10 Minuten lang. Wir trinken sommerkaltes alkoholfreies Bier. Lesen uns Poetoquark vor. Er ist erfrischend. „Wolkenlos, sockenlos ist dieses Blatt abends nach der Hortensie; die Blätter lässt sie hängen, näht einen Stimmfaden ein in die Luft, die wolkenlos sockenlos sich in meinen Koffer singt …“


Dienstag, 28.7.2026. Habemus Titel. :)

#kidsbookswritersmoment, glitzernder. Für mein neues Buch, dass im Frühjahr 27 im Tulipan Verlag erscheinen soll gibt es einen Titel. "Hummus-Kiosk" "Hummus-Kiosk" "Hummus-Kiosk"
Für Kinder ab 10. Illustriert von der sagenhaften Tanja Esch. 

Donnerstag, 29.8.2026 (Antidot)

Immer noch mit leichtem Infekt fahre ich bei Hitze nach Erftstadt, eine Schreibland-Werkstatt mit 10 Kids durchzuführen (4 Jungen, 6 Mädchen im Alter von 8-11). Ist auf jeden Fall ein Antidot zur hässlichen Zeit, in der beispielsweise Dieter Nuhr sich über marginalisierte Menschen lustig macht, bis in die Haarspitzen gehässig. Mit Filzstiftbildern und Wortschöpfungen, Taubentrauen und guten Roboter halten wir gegen diese Hässlichkeit und lachen uns kaputt. Das ist das Antidot: Fantasie und Kichern von Kids. Die heutige Lieblingsgeschichte, zusammen erfunden:

Es war einmal eine Banane, die lebte in Bana-Nana. Dort traf sie auf zwei Menschen, die gerade tapezierten und dafür Zeitungen auslegten. Leider starb die eine Zeitung. Sie hatte zu viel Farbe geschluckt. Die andere Zeitung las ein Buch. Über zerbrochene Liebe. Das wurde der Banane zu tragisch. Und weil die Banane nicht immer gelb tragen wollte, kaufte sie sich zur Abwechslung ein rot-gelb-grün-blaues Kleid. Das Kleid legte sie dann aber auf den Tisch, weil sie es als Tischtuch benutzen wollte. Danach aß sie ein Festmahl.

(Schreibland NRW. Gemeinsam-Geschichte. 10 Kids von 8-10)


Freitag, 31. Juli 2026  (Verbindung)

Lena Gorelik im Gespräch mit Bayern 2. ( Podcast Echt und Ehrlich, Sommer 2024 konnte nicht mehr genau rausfinden, welche Folge. ) „Was wir noch brauchen um die plurale Erinnerungskultur weiterzuführen, sind Geschichten von Verbindung. … Wir müssen Geschichten in den Raum der Wahrnehmung stellen, die von Verbindung erzählen, die erzählen, wo vielleicht trotz unterschiedlicher Biografien eine gemeinsame Erfahrung da ist. Die ist mehr da, als wir das wissen.“ Hat sie vor zwei Jahren gesagt, hat sich aber nichts geändert.

In diesen Zwei Jahren hab ich Bücher überlegt und verworfen und geschrieben, aber wegen der für die meisten Verlage und Buchmenschen unvorstellbaren Verbindung, etwa arab-jewish friendship, nichts veröffentlicht. Jetzt aber, Licht am Horizont. Erzählte Verbindung im Hummuskiosk.

Montagsgedicht


Nimm Zeitenzische

welkende Wolken

Flauschefische

frisch gemolken

prima Prisen

Irgendwasser

Kümmelkrümel

Angstweglasser


alles rühren

eis zwo drü

wachgeschlürft

hühü


(zusammengedicht mit maria hächler)


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