

Andrea Karimé
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buchstabenrascheln
andrea karimé, kinderbuchautorin
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(Minigeschichten und Notate vom Tag, von einer die für Kinder schreibt, geschrieben in Zeiteinheiten, in denen sie nicht für Kinder schreibt. Ein- oder zweiwöchentlich als Blogartikel namens #tagebuchstaben. Meistens mit Wolken und Morgenkaffee. Immer mit #kidsbookswritersmoments und einem Montagsgedicht.)

Diese Woche schreib ich ein Kinder-Buch weiter, von einem anderen wird das Cover diskutiert. Lang und breit, denn wenn schon mal migrantische Kids auftauchen, gibt’s immer Diskussionen ums Wie. Von meinem Alien-Sofa aus schreibe ich, also und schreibe mit Kindern Traum-Texte, spreche mit jüdischen Friends über mein Buch, finde deshalb Trotzdem-Tage, beerdige einen Menschen der 50 Jahre in meinem Leben war, irgendwie, und führe Gespräche mit einem Fünfjährigen, der das ganze Weltall in sich trägt. Am Ende das Montagsgedicht „Augenqualle namens *Ain“. Tagebuchstaben.
Kidsbookswritersmoments. Zähe und spritzige. Nur mühsam entstehen meine Pflichtseiten heute, ich habe das Gefühl, so zäh wars noch nie, aber das stimmt nicht. Es gibt diese Seiten, die zäh aus mir gezogen werden müssen. Zäh heißt ja auch dranbleiben. Heute kam immer die schöne Tauben-Traurigkeit ins Buch.
Beisetzung. Familientreffen. Nach 12 Jahren „geghosted“ werden, sehe ich zumindest meine bezaubernden Neffen wieder. Und es ist whirling. Verschwirrt sein also. Glücklicherweise gibt’s den besten kleinen Sohn des besten Cousins, der mich immer wieder in seinen fantastischen Kosmos zieht. Und seinen und meinen verbindet. Sag-Faden für Sag-Faden. Also auf in schnaubende Drachenlandschaften mit Gräsern. Zu den Augen im Sturmregen ins glückliche Notizbuch. In Raketen, in denen Aliens leben, meine sprechen Hoyleboyle, seine Roaroaroar (englische Aussprache). Meiner hat ein Sofa, das alle Geschichten vom Weltall in sich hat. Seiner hat einen Sessel der Abenteuergeschichten geklaut hat. Es lebe die Fantasie. Ort des Trosts und der Verbindung.
Nachhause fahren. „Lange Zeit schrieb ich sonst nichts. Das Leben ändert sich in einem Augenblick.In einem alltäglichen Augenblick.“
Das lese ich bei Joan Didion in „Das Jahr magischen Denkens“, geschrieben nach dem Tod ihres Mannes. Über Nacht wuchsen auf der Wiese vor dem Küchenfenster meiner Mutter wie von Wunderhand verstreut viele Veilchen. Magisches Denken. Lila Kontinente auf Wiesenwelt wuchern nach dem Tod ihres Mannes. „Was ist da in dem Topf drin?“, fragt Klein G. Ich sage es ihm, ganz ohne Magie-Content. Er schweigt, schaut auf die Urne, auf der gedruckte schwarze Vögel davonfliegen und gleichzeitig bleiben. Nach einer Weile sagt G.: „Ach so!“, dreht sich um und untersucht die Umgebung: Äste, Nadeln, Moose, Farne, Kotkrümel.
„Wo bist du wesen? Gibt es Spatz-Getti? Wo ist der Morgen hin?“ Zitate der kleinen Tochter auf Zetteln. Aufgeschrieben von Joan Didions Mann John. In ein Erinnerungskistchen gequetscht. Auch sie hat die Poesie des Kind-Idioms begeistert. Wen eigentlich nicht? Gestern berührendes Gespräch mit S. für mein Buch in der „Premium-Lounge“ der deutschen Bahn. Vom Holocaust habe sie von klein auf gewusst. Überall wäre sie ihm begegnet, z.B. an Gedenktafeln in der Synagoge. Und nicht nur der Holocaust war gegenwärtig, auch die über zweitausend Jahre alte Verfolgung, das Misstrauen, das Bewahren der Kultur. Aber auch das ethische Prinzip des Tikun olam, תיקון עולם , die Reparatur der Welt, das sie stark beeinflusst hat. Größter Wunsch für mein Buch: Nicht nur eine „single story“ zu erzählen. Und deshalb wird es ein Nachwort geben. Sie freut sich auf das Buch. „Wenn ich jemals Kinder haben werde, wird es dann wenigstens ein Buch geben, das ihre Lebensrealität erzählt.“
Blaue Schnecke von Hüsna, 9
Blau-Herz gebrochen
Schlangen-Wolke fliegt
Ich habe einen lila Stern gesehen
Und ein blaue Schnecke
Thema Traum-Texte im Workshop. Ist das ein Text?, fragt Lejs. Ja, sage ich, ein Gedicht. Aus zwei Wörtern mach eins, aus Fragment mach Zeile. Was ist eine Zeile? fragt Hüsna. Wie ein Satz nur ohne Punkt und nicht fertig, sagt das Mädchen namens Stadt, Medine. Zum Beispiel, sage ich.
Ideen-Tingeln zwischen Mondschule, seltsamen Orangen und muslimischen Prinzessinnen. Das war die Schreibwerkstatt gestern. Mit Eis am Schluss. Kopf voller Buch, dass nun im Endspurt liegt. Vom Fenster Kühle. Hagel und traubendicke Regentropfen. Jetzt nur noch ein Gespräch und alles mehrfach laut lesen für den Feinschliff. Rascha: Viele Geschichten passieren gleichzeitig. Manche enden traurig. Manche gehen fies schlimm aus, wie die von der Nazizeit. Und die ist auch gar nicht zu Ende, meint Herr Dusche. Aber eins ist klar: Sie kann nicht mehr gut ausgehen. Manche Geschichten gehen gut aus. Wie Lily gesagt hat, die muss man selbst machen, wenn es geht. Weil sie die Welt ein bisschen reparieren.
Lieber ein braves Mädchen im Hintergrund oder suggeriert die Faust migrantische Aggression? Das sind die Diskussionen, die wir führen, wenn ausnahmsweise mal migrantische Kids auf einem Cover das Wort haben. Wirkt das gewaltvoll? Wirkt das angepasst? Wirkt das stereotyp? Der Verlag ist sorgloser als ich. Die Diskussionen sind respektvoll und überzeugen mich am Schluss. Und wir nehmen die powervolle Version mit Boxen. Mehr verrat ich nicht.
Frage jüdische Friend bei Käsekuchen und Kaffee für mein anderes Buch, Trotz-Tage kommen vorbei und die Frage des Wirs. Falls eine gewisse Partei die Macht ergreift, gehören wir beide zu einem anderen Wir, nämlich das dessen Angehörige es sich nicht aussuchen können, ob es aus Deutschland weg geht oder nicht. Unser Wir wird gegangen werden.
„Nicht alle Geschichten gehen gut aus, deshalb schaffen wir uns welche, die gut ausgehen!“, sagte Lilly. „Mama, reparierst du mal wieder die Welt?“, fragte Brek. „Ich machs Euch doch nur nach“, lächelte Lilly. Ich wusste nicht genau welche Geschichten in diesem Moment nicht gut ausgehen. Aber es gab sie. Viktor stellte den Koffer auf die Seite. Ich setzte mich mit Linda auf dem Schoß. „Poffer!“, stellte sie fest.
Augenqualle namens *Ain
Augenqualle namens *Ain
Hüterin der Quallenquellen
findet Frieden nicht mehr
sucht ihn mit lautlosem Bellen
Von Massakern zerschnitten
Von Krieg zerbombt
Von Hass getreten
findet sie Frieden am Boden
und weint Tropfen klopfende
Augenlieder doch da:
was Weiches Lockiges
was Winziges Hockiges
Ein Salämmchen
Lebt es noch das kleine Friedenvieh?
*Ain nimmt es mit und bang
und lang sangsingt sie
Augenlieder
Salämmchen erwacht
Geschrumpft versehrt
aus ihren Quallenaugen
ließ Ain den kleinen Frieden
nie wieder
(*Ain heißt Auge und Quelle. Zum Beispiel auf Hebräisch. Zum Beispiel Arabisch. )
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