

Andrea Karimé
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Andrea Karimé
31. Dez. 202513 Min. Lesezeit
buchstabenrascheln
andrea karimé, kinderbuchautorin
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Kurz nachdem Sarah Vecera das Praxisbuchs zu den Alle-Kinder-Bibeln herausgegeben hat, drei Jahre nach Erscheinen der ersten Alle-Kinder-Bibel löse ich mein Versprechen ein und schreibe darüber, warum ich diese Texte geschrieben habe. Auch weil inklusive Kinder-Bücher in diesen Zeiten immer wichtiger werden. Im folgenden Blog-Artikel erhältst du Einblicke von meinem Schreibtisch der Alle-Kinder-Bibel. Im ersten Teil beschreibe ich die Hintergründe meiner Entscheidung, die Alle-Kinder-Bibel zu schreiben. Im zweiten Teil erfahrt ihr, wie nicht nur Bilder Diversität ausdrücken sollten, sondern auch Sprache sie sichtbar macht, und wie die Alle-Kinder-Bibel durch Text und Bild ein Haus für alle wurde. „Lass uns einfach andere Menschen einladen, Menschen, an die wir bisher nicht gedacht haben.“[4][5]
Ein Haus, in dem Wörter wohnen und spielen, Geschichten erklingen. In dem Kinderkräfte und Hoffnungen Unterschlupf finden.

Ich habe eine deutsche und eine libanesische Familie. Und ich liebe Geschichten. Schon als Kind war ich fasziniert von Sprachen und Wörtern, vom Erzählen und vom Vorlesen. Ein Teil davon waren die Bibel-Geschichten. Ein anderer das mündliche Erzählen in der libanesischen Familie. Als ich gefragt wurde, eine Probeschichte für das Projekt zu schreiben, dachte ich lange nach. Dann tat ich es. Und stellte fest, wie schön es war, vom Plotten entlastet, - Handlung und Figuren standen ja fest - für die Geschichten ausschließlich Perspektiven, Sprachen und Atmosphären zu erfinden.
Ich habe religiöse Praxis als Kind hautnah sowohl aus muslimischer und aus christlicher Perspektive erleben dürfen und war fasziniert von beiden Praxen und fühlte mich mit Spiritualität verbunden.
Arbeitstagebuch (1)
1972/1 Februar in Kassel. Ein Sonntagmorgen vor den Kirchenglocken ist still. Darf ich zum Kindergottesdienst gehen?, frage ich meine Mutter. Die seufzt. Du bist katholisch, sagt sie, ob du da einfach hingehen darfst? Die Nachbarin hat es mir gesagt, sage ich. Die Mutter schüttelt verständnislos den Kopf. Ihr Mann ist Muslim, fastet nicht, betet nie, und sie hat genug von der katholischen Kirche. Und da steht nun dieses Kind vor ihr, das ihr begeistert von den Geschichten und den Liedern erzählt. Von uns hat sie das nicht, denkt sie. Ich gehe in den schönen Kindergottesdienst. Sitze in der letzten Reihe, weil ich dann doch nicht weiß, ob ich wirklich dazu gehöre. Ich bete das Vaterunser. Da sind Geheimnisse im Raum. Glückliche.
1972/2 Sommerferien in Tripoli. Ich sehe, wie Großmutter eine Truhe öffnet und ein Schneeflockenkleid herausholt und über ihre Kleider zieht. Dann rollt sie einen bunten Teppich aus und spricht mit ihm. Der Teppich sagt etwas, aber es ist zu leise. Ich kann es nicht hören. Da sind Geheimnisse im Raum, glückliche; ich beobachte die Großmutter weiter. Sie hat eine Teppichgeheimsprache, in der ich nur das Wort Gott verstehe. Die Großmutter lächelt. Dann steht die Großmutter auf, räumt Teppich und Schneeflockenkleid weg. Später hole ich alles heimlich wieder raus und spreche mit dem Teppich. Erfinde ein Gottgebet in einer Mischung aus Arabisch und Deutsch. Das Projekt Alle-Kinder-Bibel schien mir also ein Raum zu sein, wo sogar mein muslimischer Vater Platz hat. Respektive (meine) hybriden Identitäten.
Arbeitstagebuch (2): Hagar flieht traurig und verzweifelt mit ihrem Sohn aus Verachtung und Gewalt in die Wüste. Der Engel ist es, der ihr sagt, dass ihr Sohn das Volk der Araber*innen gründen wird. Das Haus namens Alle-Kinder-Bibel hat offene Türen. Ismael wird geboren und mir scheint, mein Vater betritt dieses Haus während des Schreibens. Ich verstehe. Dass meine Ahnen Hagar und Abraham sind. Jüdisch und muslimisch. Ich bin Christin. [6] Der Kinderbuchmarkt in Deutschland ist sehr auf ein weißes Publikum fixiert. Geschichten, die Angehörige von sogenannten Minderheiten sich ausdenken, werden in der Regel mit der Begründung "irrelevant" abgetan. Held*innen mit vielschichtigen Erfahrungen sollen aus Gründen der angeblichen "Überfrachtung" vereinfacht werden. Die Vorstellung, dass das alles nicht stattfinden würde, stattdessen "Diversität" normalisiert werden soll, stellte ich mir unfassbar erleichternd und angenehm vor. Und so wurde es dann auch. Selbst die angebliche Überforderung von Kindern durch komplexere Erzählformen konnte relativiert und als Möglichkeit des Kritischen Erwachsenseins diskutiert werden. Ich wurde auch ernst genommen, als ich herausfand, dass die Vereinfachung von Bibel-Geschichten das Potenzial von Diskriminierung enthält, weil Figuren nie die "single story" sind.

Die Alle-Kinder-Bibel ist ein Schreibprojekt einer Kinderbuchautorin of Color, die mit vielen Sprachen und zwei Religionen großgeworden ist. In Geschichten und Sprache/n mache ich Diversität sichtbar. Ich kann ja nicht zeichnen. Und außerdem ist nicht nur das Bild ausschlaggebend.
Eine Möglichkeit die Vielfalt im Text sichtbar zu machen ist die Mehrsprachigkeit. In Deutschland gibt es nach neueren Berechnungen mindestens 40 Prozent Kinder, die mit mehreren Sprachen aufwachsen. Die Alle-Kinder-Bibel möchte das normalisieren. Das heißt: Mehrsprachigkeit als Normalität erzählen.
Arbeitstagebuch (2).
Die Alle-Kinder-Bibel ist ein Haus der Sprache/n [7]„Und wir sollen alle Sprachen benutzen“[8], sagen die Menschen an Pfingsten. Viele Sprachen enthalten Wortzwillinge wie Bet. Die Sprache weiß schon lange, dass alles mit allem verwandt ist, irgendwie. Und dass viele Sprachen fast überall erklingen, durch Flucht, Vertreibung, Migration. Obwohl ich nur eine Sprache als Muttersprache gelernt habe, bin ich mehrsprachig in Deutschland aufgewachsen. Mein Vater ließ die Wörter wie Vögel in der Wohnung fliegen. Mischmaul, Türktschekonnuschuyorum, komongsawa. Ich verstand das meiste nicht, wir sprachen zusammen nur Deutsch, die anderen Sprachen, Arabisch, Türkisch, Französisch waren magisch. Und da war noch das Nordhessisch meiner Großmutter, die das Ende des Brots Knäppchen nannte. Mehrsprachigkeit war immer bei mir, wie bei vielen Kindern in Deutschland heute, und so betritt sie die Alle-Kinder-Bibel. Ich war sehr froh, dass Anna Lisicki-Hehn gleich zugestimmt hat, Wörter in vielen Sprachen in die Illus einzubauen. Sie hat das wunderbar umgesetzt, und das ist nun ein absolutes Alleinstellungsmerkmal. Eins von vielen! Jede Illustration enthält nun ein Wort, passend zu den Geschichten in mehreren Sprachen. Im Text selber habe ich Mehrsprachigkeit so oft es möglich war ebenfalls eingebaut. Deshalb gibt es zum Beispiel die Blume Amani und das Kleid mit dem Namen Ketonnät Passim im zweiten Band.
Sprache zu erneuern war mir ebenfalls ein Anliegen. Sprache verändert sich ständig. Alle Kids tragen dazu bei. Auf dem Weg zur Normsprache kreieren Kinder permanent wunderbare Neuschöpfungen. Auch mehrsprachige Kinder haben poetische Wege sich verständlich zu machen. Wortschöpfungen sind aber auch ein Werkzeug moderner Lyrik und Poesie. Deshalb unter anderem gibt es viele Wortschöpfungen in der Alle-Kinder-Bibel. Der Schriftsteller Sinthujan Varatarajah schreibt: „26 Buchstaben können diese Welt nicht fassen“. [1]
Für mich bedeutet das: Sprache ist nie genug. Wörter reichen oft nicht aus. In meinen Workshops erfinde ich deshalb immer Wörter mit Kindern neu. Die Möglichkeiten sind grenzenlos. Und es ist immer eine Möglichkeit für Kinder sich die Sprache zu eigen zu machen. Sprich: Empowerment. Deshalb wohnen der Lächelmantel, die wutmutige Witwe und die Immer-Aufgabe in der Alle-Kinder-Bibel. Deshalb schuhut und radaut es auf der Arche Noah.


Ein Wort ist eine Welt. Genau untersucht, geschüttelt und durch andere Sprachen geweht entdecken wir viele Querverbindungen und Schichten. Deshalb wurde die Sprache auch im Hinblick auf Diskriminierungspotenziale, also versteckte negative Bedeutungen oder Wirkungen genau untersucht. Aber auch im positiven gibt es unerwartete bedeutsame Verwandtschaften.
Arbeitstagebuch (3) Die Alle-Kinder-Bibel soll ein Haus der Poesie und Kinderkräfte werden. [3] Ein Haus der Sprache respektive neues Alfabet der Bibel. In Alfabet steckt Bet. Auf Arabisch und Hebräisch bedeutet das Wort Bet Haus. In Alfabet höre ich außerdem das Wort Gebet und Beet. Die Alle-Kinder-Bibel ist also auch ein Haus für mich, eins in dem gewachsen, gesprochen, gelacht, geweint und gebetet wird. In dem Wörter wohnen und spielen, Geschichten erklingen. In dem Kinderkräfte Herberge, und Hoffnungen Unterschlupf finden. Und das Gebet, vom althochdeutschen Gibet, abgeleitet, ist in die Gegenwart gezüngeltes Bitten, Beten und schließlich Geben: „Lass uns einfach andere Menschen einladen, Menschen, an die wir bisher nicht gedacht haben.“[4][5]
Im nächsten Artikel werde ich meine Angebote für Lesungen und Workshops mit Kindern und Erwachsenen beschreiben. Das Herzstück meiner Bibel-Workshops ist die Empowerment-Arbeit mit Zines und die Werkstatt-Lesungen mit den "göttlichen" Wortschatztütchen. Seid gespannt. Religionspädagogische Tipps und Methoden könnt ihr jetzt schon im neuen Praxisbuch finden; ein Kapitel "Wie die Welt auf die Welt kam" ist auch von mir.

Willst du von Anna und mir signierte Exemplare haben: Im März machen wir eine Aktion zu Gunsten der
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[1] Sinthujan Varatarajah in: Neue Erschöpfungsgeschichten, Offenbach 2024
[1] Andrea Karimé, Kinder-Gedicht aus dem Zyklus „Traumlexikon“ bisher unveröffentlicht. Andrea Karimé 2024
[2] Bet = Haus (Arabisch, Hebräisch, Tigrinya)
[3] Bet = Haus (Arabisch, Hebräisch, Tigrinya)
[5] Alle-Kinder-Bibel 87
[6] Bild Isaak und Ismael
[7] Bild Pfingsten
[8] Alle-Kinder-Bibel 98













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