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"das wort ist ein geschichtenbüro" erik, 4

In der Wolkenlimousini. Tagebuchstaben 84

  • Autorenbild: Andrea Karimé
    Andrea Karimé
  • 16. Nov. 2025
  • 4 Min. Lesezeit

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Tagebuchstaben 84

(Minigeschichten und Notate vom Tag, von einer, die für Kinder schreibt, geschrieben in Zeiteinheiten, in denen sie nicht für Kinder schreibt. Ein- oder zweiwöchentlich als Blogartikel namens #tagebuchstaben. Mit #kidsbookswritersmoments und einem Montagsgedicht.)


Diese beiden Wochen gabs eine mutige Kuh, wenig Schlaf, viel Nichtschlaf, Buchstaben auf der Linienleine, eine Illu, die mich glücklich verfolgt. Alles auf einer Lesereise durch die Schweiz, auf der mich zwei Freundinnenkinder zeichneten, ein Esel in ein poetisches Restfragment schlüpft und das Montagsgedicht "Krava Muh" entsteht.


Montag, der 3.11.25 (luzernen)

Es luzernt mein Auge von Wasser von Geflimmerspiegel. Das ist mein Morgen ohne Schlaf, oder besser: mit wenig Schlaf. Lese nichts und niemanden. Gucke schlechte Serie. Es ist wie es manchmal ist im (total schönen) Hotelzimmer. Der Nichtschlaf kommt und geht nicht. Der Schlaf ist irgendwo. Jetzt aber pack ich Sack und geh Schule. #lesereisenromantik


Dienstag, der 4.11.25 (Tschai)

In der heutigen Lesung sagte ich: "Ich schenk Euch jetzt ein Wort, das in mindestens 10 Sprachen wohnt: Tschai". Köpfenicken. Ein Junge strahlt und sagt "Tschai". Ich: "Kennst Du das Wort?" Junge (empört): "Ich trinke das!" Lehrerin bricht in Lachen aus. Junge auch. Beide kichern endlos. So amüsant kann Sprache sein. Gestern bekam ich noch Besuch aus Aarau von Maria und ihren beiden Kids. Die wollten mich zeichnen. Ich staune immer noch, wie genau die Große beobachtet und schraffiert hat. Der Kleine wollte auch. Zog mir das fertige strahlende Bild aber noch mal unter der Hand weg. Um Lippenrot und Brauenwiese zu ergänzen. I really like my Brauenwiese.


Kinderzeichnung. Eine Frau mit Schal und Ohrringen.
Haar grasende Augentiere
Kinderzeichnung. Frau mit strahlendem Gesicht und Lippenrot. In der Hand hält sie Stift und Papier
Lippenrot und Brauenwiese.

Mittwoch, der 5.11.25

Hast Du eine Botschaft? Dann schick ein Telegramm. (Woody Allan)

Eine Kollegin fragt mich per Sprachnachricht, wie ich es mache, dass ich schwierige Themen im Kinderbuch platziere, es aber nicht als Thema/Botschaft intendiere, und schon gar nicht belehre. Das ist eine sehr gute Frage. Ich will keinesfalls eine Botschaft versenden. Etwa hat Nuri Flucht- und Kriegserfahrung. Das ist aber nicht die Geschichte, die sie erlebt. Die Geschichte ist eine Empowermentgeschichte. Nuri meistert ihr neues Leben in Deutschland, zum Beispiel, indem sie einem Kind, dass sie auf dem Schulhof angreift, eine Geschichte erzählt, die spannend, lustig und gruselig zugleich ist. Es ist die Figur, die alles mitbringt, aber ein Abenteuer, ein Geheimnis oder eine Held*innenreise erlebt.


Dienstach der 11.11.25

Vom Thuner Seeglanz nach Kreuzlingen in der Früh. Im Zug schreib’ ich ein Kinder-Gedicht für einen Adventskalender. Die Anfrage kam gestern. Ein Esel soll drin sein. Ich blättere in meinen Fragmenten herum, die ich in der Datei Montagsgedichte gespeichert habe. Finde einen feinen Vers, für den ich bisher keine Verwendung hatte. Der Esel schlüpft hinein und kriegt Glitzersocken. Ich feile und feile. Mit wave in mind komme ich in Kreuzlingen an.

 

Donnerstag, der 13.11.25 (KUH)

So lang keine Buchstaben auf die Linienleine gehängt. Aber nun tropfen die Serifen, denn ich bin wieder zu Hause. Alles duftet nach Minuten ohne Sinn. Ich schreibe ein Texthotel für Fatmas Anthologie, die mich netterweise einlädt, obwohl ich reisebedingt fast nie die Gruppe besuchen kann. Es entstehen überall Lücken. Verfolge die Politik und sie verfolgt mich. Unterdessen entflieht eine bayrische Kuh dem Schlachter und landet, nachdem sie sich einer Schafherde angeschlossen hatte, in Hessens Gnadenhof. Und seitdem heißt sie Mücke. Wieso heißt eine Heldin Mücke, ich nenn sie Krava Muh heißt Kuh. Beste Kuh, du kriegst ein Gedicht, das vielleicht so beginnt:


Krava Muh, die mutige Kuh


Freitag, der 14.11.25 (Alien)

„Schreiben ist der einzige Weg, unmögliche Identitäten möglich zu machen!“, sagt Nava Ebrahimi. Eine unmögliche Identität ist Oykü, das heißt Geschichte auf Türkisch. Und so heißt die Schwarze türkisch-deutsche Heldin, die mit dem süperempathischen Feder-Bär und der allwissenden Katze Aubergini durch die Lüfte streift. Auf der Suche nach der Friedensmaschini, die alle Sprachen spricht und gern kuschelt. Sie lässt immer / ein Stück Frieden/ zurück.

(Ists ein Alien, ein Robot? Verrat ich Euch nicht. Weiß ich vielleicht auch gar nicht. Hi hi, sagt die Vorfreude auf das Buch. Wie die Katze. Sehe mich nie wieder satt an den Illustrationen von Irem Kurt.)


Samstag, der 15.11.2025 (Rap)

An einem Tag wie heute, an dem ich wieder aufatmen kann, was die Nebenhöhlen und den Kopf anbelangt, grase ich das Line-up des Lesefestivals in Backnang ab. Und plötzlich steckt mein Blick im lauten Himmel von Andrej Muraṣ̌ov. Rapper, Poet, Musiker, Romanautor. Liest und rappt vor Schüler*innen in Backnang. Alles stabiler Goldwert. Was genau wir mit Sprache tun könnten, um die Welt besser zu machen, fragt ihn Michaela Fridrich im Podcast Kocheler ZwischenTon. „Ich würd spontan sagen rappen, oder das poetische Sprechen in den Vordergrund stellen, und den Kreativen Umgang mit Sprache weiterhin fördern.“ Yo, dobro, brother in poetry.


Montagsgedicht


Krava Muh, die mutige Kuh, schreit:

"Buh, ich will nicht zum Schlachter,

du Gummischuh!"


Sie springt über Zäune und zu Wiesenschafen, muht nächsten Morgen hübsch ausgeschlafen:


"Ich bin keine Wurst, niemand kriegt mich, freie Kuh!" Am Ende ließ der Bauer

Krava Muh in Ruh!


(Nur wer nannte diese Heldin danach Mücke? Ach, Mensch!) Krava = Kuh (Kroatisch, Slowenisch u.a.)


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