

Andrea Karimé
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buchstabenrascheln
andrea karimé, kinderbuchautorin
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(Minigeschichten und Notate vom Tag, von einer die für Kinder schreibt, geschrieben in Zeiteinheiten, in denen sie nicht für Kinder schreibt. Ein- oder zweiwöchentlich als Blogartikel namens #tagebuchstaben. Meistens mit Wolken und Morgenkaffee. Immer mit #kidsbookswritersmoments und einem Montagsgedicht.)

Diese Woche tagebuchstaben mit Frieden in der Irgendwanne, mit kaugummifarbenem Licht am Morgen, einem Schnipsel aus einem Video-Interview mit der Uni Essen, ersten Infos zum nächsten Kinderbuch, dessen Manuskript mit der Sternfeder der Rose Ausländer überarbeitet ist. Ich erzähl von glücklichen ersten Veranstaltungen im Jahr und von Schnupfenangriffen kurz vor Lesungen.
Sonnenloser Sonntagmorgen. Also Lesen. Ich mache mich mit einem neuen Buch, Weihnachtsgeschenk, vertraut. Zeitzeit. Ich wate Seite für Seite durch Wasser, Äste, Moor und Gruselchor. Ein ertrunkenes Dorf, schreiende Häschen, Torf und Netze und Halme. Ich stehe an einem See, der alles mit sich genommen hat. Nun ja. Erfreue mich an schwarze Stiefeln, die „wie Raben“ auf einem kleinen Grashügel stehen, wachen, während die Besitzerin im Wasser nach verlorenen Sachen sucht. (Elin Anna Labba, Das Echo der Sommer.)

Smoother Start in den Tag mit kaugummifarbenem Licht. Klar und eiskalt. Gestern wundervoller Auftakt in Kalk. Zwei Lesungen mit Antennenkind mit den dritten Klassen in der Stadtteilbibliothek. Hinterher über 20 Kinder, die am Wörterwelten-Projekt teilnehmen möchten. Zumindest in der ersten Begeisterung. Lehrerin so: Dieses Mädchen kann noch nicht so gut schreiben. Mädchen schaut verunsichert von mir zu ihr und zurück. Weil sie trotzdem so gern mitmachen würde. Ich so: Schreibst du gern? Mädchen nickt. Schau von mir zur Lehrerin. Ich so: Hast du noch eine Sprache außer Deutsch mitgebracht? Mädchen: Somali. Ich so: Dann kannst du auch mitmachen. Mädchen: Leuchten.
Gestern war ich, nachdem ich Tante Sam auf Wunsch des Lektorats „netter“ gemacht habe, im Gurkental, östlich vom Langeweileplanet. Und Salator heißt die albanische Gurke, die in einen Pool springt. So zumindest die Erfindungen und Übersetzungen der Schreibgruppe der OGS in Leverkusen-Hitdorf. Nachdem ich dort zunächst mit dem krassen Personalmangel konfrontiert wurde – Absprachen zu Dauer und Kinderzahl unbekannt -, und dem typischen Misstrauen einer Lehrkraft begegnete – „Ich will nicht, dass in meinem Klassenraum irgendetwas verschwindet!“- wurde es trotzdem ein wunderbarer Nachmittag mit Geschichten und frischen Wörtern. Es ist mir eine Ehre, Kinder mit Schreiben und Dichten glücklich zu sehen. Die zauberhafte (Polnisch sprechende) Erzieherin, die ab und zu reingespinxt hat, war so begeistert, dass sie mich gleich für die Osterferien buchen wollte. Dziękuję.

Die Woche beginnt mit Milchblau, Milchgrau, Tahini und Engeln im Kopf, die von Mendelssohn nämlich, die die dich behüten auf allen deinen Wegen. Und Nuri soll sich von der Tante emanzipieren, sagt die Lektorin. Bin ehrlich gesagt immer froh um Lektoratsvorschläge die das Manus luftiger machen. Freu mich deshalb auf das Ausdünnen und Bearbeiten. Kein Text schreibt sich allein, wieder mal. Beginne heute das Training, das meinen Verfall aufhalten soll. Wie willst du das denn auch noch in dein Leben unterbringen, fragt Katja vom Chor erstaunt. Ich atme aus. Weiß ich auch noch nicht, aber was ich weiß, ist: Ich muss es machen, wenn ich nicht zerbröseln will.

In der Irgendwanne/ Frieden/... Das fällt mir ein heute Morgen, der Tag ist schon da, das Licht noch nicht. Im Kopf auch noch Wörter wie Fenchel und Kiesertraining, Gedankenpingpong aus Schreiben und Kochen und Wohnung aufräumen, vertont mit Mendelssohn, die Rache. (Jahrestag der Befreiung des KZs Auschwitz.)

3 Tage Schnupfen. Klupfen. Wiedehupfen. Nachts von Viren-Nasen-Terror wachwerden. Über 100 Taschentücher gestern. Absagen. Geld verlieren. Viele unentgeltliche Telefonate führen, in für die andere Seite bezahlten Zeiteinheiten. Aber auch schönste Anfragen. Schreiben Sie einen Kinder-Text für unsere Reihe? Kann ich ein Praktikum bei Ihnen machen? Lesen Sie bei uns? Machen Sie eine Ferienschreibwerkstatt? (Gleich 2x, deshalb nun Oster- und Herbstferien voll.) Ich so: Ja, evet, tamam, ey, ne, dadada.

Abgegeben. Das Manus fürs neue Buch „Nuri, Deniz und die Kraft der Sternfeder“, mit Rose Ausländer für Kinder ab 10, für das ich übrigens zwei wichtige lange Interviews mit jungen Menschen geführt habe. Jetzt widme ich beiden das Buch, einem Jungen, mittlerweile 11 und einem Mädchen, mittlerweile Studierende der Medizin. Auch wenn die Hauptcharaktere ihnen nicht ähneln, gibt’s wichtigste Details, die ich verwenden durfte. Zum Beispiel hätte der Bericht von Deniz über ihre zentrale Erfahrung niemals ohne die Erzählung von E. aus Köln geschrieben werden können. Und Nuri hätte vielleicht nicht diese eine Angewohnheit ohne G.. Ich sage nur: Sesselfiguren. Deshalb ist beiden das Buch gewidmet. Der unsichtbare Untertitel (und zwei weitere wichtige dritte Charaktere) des Buchs ist übrigens: Das Krokodil der Dichterin.
Die Amani-Kanne*
gießt den Frieden
in die Irgendwanne
*Amani=Frieden (Suaheli)
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