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"das wort ist ein geschichtenbüro" erik, 4

Flockenfedern und Friedensmaschini. Tagebuchstaben 84

  • Autorenbild: Andrea Karimé
    Andrea Karimé
  • 30. Nov. 2025
  • 4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 30. Dez. 2025

Hier erwarten dich Minigeschichten und Notate vom Tag, von einer, die für Kinder schreibt, geschrieben in Zeiteinheiten, in denen sie nicht für Kinder schreibt. Ein- oder zweiwöchentlich als Blogartikel namens #tagebuchstaben. Mit #kidsbookswritersmoments und einem Montagsgedicht. Diesmal mit einer glücklichen Buchpremiere, dem ersten Schnee, mit Goldwert von Andrej Murasov, entzückenden Kindergedanken, einer umwerfenden Kinderbewertung und dem wolkenfrohen Montagsgedicht.



Sonntag, der 16.11.25 (Mantel) tagebuchstaben

Lesereisend im Mantel wohnend, wie Emine Sevgi Özdamar mal gesagt hat. Der Mantel ist tatsächlich ein Zuhausesurrogat im Lesereisenherbst. Es muss ein Mantel sein, und er muss lang sein. Knie und Beine auch noch zudecken. Erst dann habe ich das Zeltgefühl. Immer-im-Zimmer-Gefühl.

 

Montag, der 17.11.25 (Gold)

Auf Lesefestivals wie hier in Backnang lernst du neue spannende Kolleg*innen kennen. Wenn du Glück hast, ist sogar ein Brother in Poetry dabei, der auch eine Dilltasche hat. Rapper Partizan und Romanautor Andrej Murasov sind ein und dieselbe Person. Klar, dass auf seiner Lesung in  Klasse 9-11 Raps hier in Backnang auch ein paar Songs gerappt werden. Passend zu zwei Hauptfiguren des Debüts: Alles Gold. alles Gold Diggi, alles Gold ey, keiner kann uns stoppen, wenn wir rolln ey; alles Gold Diggi, alles Gold ey, wir scheinen wie die Sonne, wenn wir wolln ey. Schon klar, dass die Kids begeistert sind. „Oh, ich bin schon so excited, dass ich das Buch bald lese!“, höre ich einen Teenie mit dem Buch in der Hand sagen!“ Richtig schade, dass Andrej schon früher wegmusste. Mit Dilltasche meine ich übrigens den typischen Sprachen-Aufschnapp-Reflex der Leute, in deren Kindheit mehrere Länder und Kulturen wohnen.  Dil=Sprache/Zunge auf Türkisch.

 

Buchpremiere mit der Wolkenlimousini von Irem Kurt gezeichnet.
Buchpremiere mit der Wolkenlimousini von Irem Kurt gezeichnet.

Donnerstag, der 20.11.25 (Flockenfeder)

Es schneit winzige Flockenfedern, als ich nach 8 Lesungen im mehrsprachigen Backnang mit „Tee mit Onkel Mustafa“, „Kalim Baba und die Wörterlampe“, „Antennenkind“ und „Sterne im Kopf und ein unglaublicher Plan“ wieder abreise. Was für eine schöne berührende Lesereise. Schon gleich am Montag wurde ich von 60 Fünftklässlern empfangen, von denen mindestens 10 einen Mustafa in der Hand hielten. Ich sprach einen, Y, an. „Hast du das schon gelesen?“, Y. (Stimme Mischung aus Empörung und Begeisterung): „Ja klar, und jetzt bin ich schon zum zweiten Mal auf Seite 83!“ Am letzten Tag wieder Fünftklässler. Diesmal mit Sterne im Kopf. Und ich bekomme unaufgefordert ein umwerfendes Zeugnis von den Kids. Viele Höhepunkte, viele Berührungen, viel Sonne. Bye-bye und Dankeschön, Backnang.

 

Montag, der 24.11.25 (Zwischentage)

Gestern am Eisregen vorbei nach Hause gekommen. Zwischentage. Eine schwere kuschlige Bettdecke liegt auf mir und ich bleibe einfach liegen. Mittwoch geht’s nach Berlin weiter. Wäsche waschen und Kraft sammeln ist also die Devise. Wie eine schmutzige Schneedecke sieht der Himmel auf und nicht einmal die Tauben gurren. Der Verlag schickt mir ungeplante Zusatzarbeiten, und ich versuche mich zu beruhigen. Schaue, wo noch Plätzchen im Kalender sind, eventuell. Grit. Aber heute noch Fehlanzeige, denn gerade muss ich mich ausruhen. Zu gefährlich, die Überlastung in diesen Tagen. Also schaue ich in das Funkeln der schmutzigen Schneedecke über mir. Und lasse die Vorfreude auf Berlin in mir ausbreiten. Ich reise das erste Mal mit Feder-Bär vom Meer.


Samstag, der 26.11.25 (Premiere)

Eine Feier für ein Buch. Ich hab Stimmen dabei. Niedlich-entig für den Vogel Kusch. Skurril kauend und kichernd für die Katze Aubergini. Und mehr. Außerdem: Die Blockflötenstimme und meine, ja meine, ist eine Extrastimme. Nach 6 Lesungen im Luisenbad und den ganzen Reisen vorher bin ich schon ziemlich kaputt zur Buchpremiere zum „Berliner Büchertisch“ gefahren. Aber glücklicherweise treffe ich zum Mittagessen schon Manu Ritz. Wir machen Pläne für weitere Hörbücher und vor allem den Audiobook-Launch. Was nicht so einfach ist, weil wir beide noch nie bei einem Audiobook-Launch waren und wir uns auch nicht so viel darunter vorstellen können. Nun ja. Wir verquatschen uns und kleeburaschka, beburaschka ist es zwei und wir stürzen, ich mit Koffer und Rucksack, zur Buchpremiere. Herzlicher Empfang im Büchertisch, eine Frau überreicht mir unbekannterweise ein Päckchen feinsten Kaffees, um sich für meinen ganzen kostenlosen Input zu Poesie und Mehrsprachigkeit zu bedanken. Leider vergaß ich ihren Namen. Nach und nach treffen weitere großartige Kolleg*innen ein, teils mit Kindern. Was mich natürlich sehr nervös macht. Glücklicherweise steht noch vor der Veranstaltung ein Kind zur Verfügung, die Kigongki zu spielen, denn fast alle Kinder sind schüchtern und wollen nichts sagen. Viele schauen mich ratlos an, als ich sie um ihre Gedanken zur Friedensmaschini bitte. Aber jetzt, während ich schon wieder im Zug nach Köln sitze, -mit Heidi Reichinnek im Abteil- denke ich an das Gekicher beim Auftauchen der Friedensmaschini und der Stimme des Kuschvogels, an die Aufregung, die sich ausbreitet, als ein Kind erkennt, dass Öykü sich Frieden ausdenkt und ein anderes den Feder-Bär als Kuscheltier in den Illus entdeckt. Ich denke daran, dass fast alle Kinder sich Bilder vom Tschai-trinkenden Feder-Bär stempeln, dass Irem Kurt im Publikum saß und einen Extra-Applaus bekam. Mir fällt ein, dass ein Kind Hebräisch konnte, ein anderes Hindi, ein drittes Arabisch. Die wussten natürlich, was Tschai auf Deutsch heißt. Und ich schmecke noch den Tschai, den wir im Anschluss beim Libanesen getrunken haben, im arabischen Neukölln, kurz vor meiner Abreise.


Montagsgedicht

...

Wir fliegen alle Wolken ab

die Gehäuften und die aus Schafen

die Lockigen und Kalten

die Brummigen und Alten

 

die Dunklen und Zerrupften

die aus Badeschaum vertupften

die mit Fransen und langem Haar

und dann sind wir da.


(Ausschnitt aus dem Langgedicht für Kinder ab 6: "Mein Feder-Bär und die Friedenmaschini")

 

 

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