"das wort ist ein geschichtenbüro" erik, 4

  • Andrea Karimé

„So was Lustiges schreiben wir gar nicht in der Schule!“

3 Kinderwünsche an den Schreibunterricht.



Als Kinderbuchautorin mache ich viele Werkstätten, auch im außerschulischen Bereich. In diesem Zusammenhang erfahre ich auch, wie Kinder das schulische Schreiben wahrnehmen. Neulich nannte ein Junge, Liam, 9, drei Charakteristika auf die Frage hin, warum er in der Schule nicht gern schreibe. Liam, 9, nahm an einer Schreibwerkstatt teil, die im Rahmen eines Sommerferienprogramms in eine OGS in Köln stattfand. Organisiert und begleitet wurde diese Schreibwerkstatt von einer engagierten freundlichen und „Buchstaben“ liebenden Mitarbeiterin.

Diese drei Gründe wurden so auch von vielen anderen Kindern genannt, nur einzeln. Sie stellen die Grenzen des Kreativen Schreibens in der Grundschule dar und widersprechen dem kindlichen Bedürfnis nach ästhetischer Praxis und Kommunikation.


In meinem Blogbeitrag führe ich aus, wie das Schreiben in der Grundschule nicht eingeladen sondern vertrieben wird und gebe Tipps, wie man das ändern kann.




Grund 1: „Da schreiben wir ja keine Geschichten, da müssen wir ja immer Aufgaben erfüllen“ – Kinderwunsch 1: Freiheit im Schreiben. Liams Statement weist darauf hin, dass es im Unterricht oft zu wenig Schreibfreiräume gibt. Und dass möglicherweise nicht das zum Inhalt gemacht wird, was Kinder interessiert: Geschichten (und wie man sie einfach erfindet), Sprachspiel und sie selbst. Sondern dass das Schreiben darin besteht, eine Aufgabe zu erfüllen oder die Rechtschreibung zu trainieren. Das wird natürlich im Sprachbuch, wie von der Schule gefordert, behandelt.




 Tatsächlich muss eine Grundschullehrerin, die dem kreativen lustvollen Schreiben mehr Raum geben will, etwas anderes wegschneiden. Es ist ein Spagat, ein Kraftakt und wenn man nicht die Liebe zur Literatur mitbringt, wird es schnell zum Stiefkind.

 

Auch ich habe als Schülerin nur gelernt, wie man „nicht schreiben“ sollte. Als Siebtklässlerin hatte ich einen Deutschlehrer. Er unterrichtete spannend, erzählte fesselnd und ich folgte ihn gern. Eines Tages gab er freiwillige Zusatzaufgaben zum Thema „Schilderung“. Als Schreibbegeisterte Schülerin schrieb ich diesen Text, und hatte viel Spaß dabei, zum Beispiel mir Vergleiche auszudenken. Am nächsten Tag gab ich ihn ab. Am übernächsten Tag bekam ich ihn mit einer ernüchternden Rückmeldung zurück. „Sprachlich mangelhaft“. Woran lag es? Vor allem an umgangsprachlichen Wendungen, die ich für die Beschreibungen verwendet habe. Ich habe natürlich nie wieder eine freiwillige Schreibaufgabe gemacht, und wenn ich auf diesen Lehrer gehört hätte, wäre ich jetzt keine Kinderbuchautorin.


„Wir haben keine Zeit!“ – Kinderwunsch 2

In der 4 tägigen Schreibwerkstatt konnten die Kinder ihre Zeit zum Schreiben selbst einteilen. Es gab jeden Tag eine Anregung. Die mussten sie aber nicht aufgreifen. Liam hat 3 Tage lang angekündigt: „Ich schreibe eine Geschichte, eine sehr lange!“ und dann Zeichnungen gemacht. Trotz aller Offenheit meinerseits war ich mir nicht sicher, ob er was „zustande bringen“ würde. Eins der Angebote war, eine Geschichten- oder Gedichtpostkarte zu gestalten, die anschließend in kleiner Auflage gedruckt wurde. Dafür gab es einen kleinen Schreibimpuls. Alle Kinder, die diese Karten erhalten wollten, mussten mir am Ende des dritten Tags einen Text abgeben. Liam schrieb da das erste Mal, und zwar dieses Gedicht:



Am letzten Tag schrieb Liam tatsächlich seine angekündigte Geschichte. Es war ein beachtlicher Text mit Geschichten in der Geschichte und einer tollen Pointe. Das hatte ich nicht erwartet. Das richtige war, keine Geschichte von ihm habe fordern müssen. So konnte er zwei Tage nur herumlungern, zeichnen, lesen, was die anderen geschrieben haben. (Nichts anderes eigentlich, als die Arbeitsweise von vielen professionellen Schriftstellern.) Im Unterricht hätte Liam allerdings Ärger bekommen. Und sich unter Druck gesetzt zu schreiben, obwohl „die Zeit noch nicht reif war“. Klar, dass es ihm keinen Spaß gemacht hätte.

Mit „ich habe keine Zeit“ meinte Liam, dass er länger überlegen muss, um zu schreiben. Und innere Freiheit braucht, damit es ihm Spaß macht. Das Ergebnis lässt sich sehen.

Es ist eine Freundschaftsgeschichte mit Geschichten in der Geschichte, voller Lebensweisheit und origineller Figuren. ich finde darin meinen ersten spielerischen Schreibimpuls wieder, aber sie ist mehr als das:



Die Brieffreunde
 
Einmal flog ein Flügelelch nach Australien und besuchte seinen Brieffreund, den grünen Koala. Die beiden hatten sich noch nie gesehen und hatten sich nur Briefe geschrieben. Als der Flügelelch endlich ankam, erwartete ihn der grüne Koala vor seiner Haustür. 
 Der Koala rief ihm zu: „Da bist du ja. Tee und Kuchen sind schon längst fertig!“ Als er reinkam duftete es nach Eukalyptus Tee und Kuchen. Beim Trinken und Essen erzählten sie sich, was sie alles erlebt hatten. Um zwölf gingen sie in den Supermarkt und kauften fürs Abendessen ein. Als sie wieder zuhause waren, erzählten sie sich warum sie so aussahen. Der Koala fing an.
„Einmal sah ich, wie ein Ufo zu einem Eukalyptusbaum flog. Ich aß die Blätter und wurde plötzlich grün. Ich habe versucht es rauszuwaschen, aber es hat nicht geklappt.
„Oh!, sagte der Elch. „Bist du nicht traurig geworden?
„Am Anfang ja, aber dann wurde das Grün ein Teil von mir! Und wie bist du zu deinen Flügeln gekommen!, fragte der Koala.
„Also das war so: Vor ungefähr 10 Jahren, drei Tage vor Weihnachten, wurde eine Rentier vom Weihnachtsmann krank. Er holte mich und fragte ob ich als Ersatzrentier einsteigen möchte. Ich sagte natürlich ja. Der Weihnachtsmann zauberte mir die Flügel und ich zog an Weihnachten mit den anderen Rentieren den Schlitten. Nach Weihnachten wollte der Weihnachtsmann die Flügel wieder wegzaubern, aber es hat nicht geklappt. Und seitdem habe ich Flügel!
Sie machten Abendessen, und am nächsten Tag musste der Elch gehen, und er versprach, jedes Halbjahr wiederzukommen.

Grund 3: Hm. Die Rechtschreibung …“ Kinderwunsch 3: Fehler machen dürfen Daran hatte ich bisher nicht gedacht. Aber mehrere Kinder gaben an, dass sie wie Liam die Sorge um die Rechtschreibung beim Schreiben von Geschichten belastet. Interessant ist auch, dass sogar Kinder, die ein fantastisches Rechtschreibgespür haben, wie Liam, dies am Schreiben hindert.




Aus Angst etwas falsch zu schreiben, sind Kinder schnell blockiert. In meiner Schreibwerkstatt sollen die Kinder drauf losschreiben. Sie haben nur die Auflage, jemandem den fertigen Text laut vorzulesen, und alles was ihnen an Fehlern auffällt zu verbessern, aber sie werden insofern entlastet, weil ich Ihnen anbiete, die Fehler hinterher (für eine Druckfassung) zu korrigieren.


Exkurs: 
Die Pressekampagne gegen die Schreiblernmethode „Lesen durch Schreiben“, von Jürgen Reichen entwickelt, hat viel dazu beigetragen, dass das Freie Schreiben in Kritik steht. Beim „Lesen durch Schreiben“ erlernen die Kinder mit einer Anlauttabelle das Verfassen von Nachrichten, Geschichten, Briefe vom ersten Schultag an. Das hat zur Folge, dass der Sinn des Schreibenlernens sofort vermittelbar ist. Leider klagte man das „lautgetreue Schreiben von Anfang an“ an, verursacht zu haben, dass die Kinder nicht mehr richtig „Schreiben“ könnten und meinte damit die Rechtschreibung. Dabei gibt es ausdrücklich begleitende Rechtschreibkonzepte und dezidiertes Diagnoseinstrumente, etwa von  und Leßmann oder Sommer-Stumpenhorst.
Mittlerweils ist Reichens Methode rehabilitiert, man erkennt derzeit endlich, dass Probleme mit der Rechtschreibung damit nichts zu tun haben! 

Nicht nur der Spaß geht in einem Fehler vermeidenden Deutschunterricht verloren, auch die Poesie, zu der Kinder einen natürlichen spielerischen Zugang haben.

Der rumäniendeutsche Dichter und Übersetzer Oskar Pastior hat im Gespräch mit Herta Müller über einen gemeinsamen Text einmal gesagt: „Ich glaube bei uns stimmt kein Satz, aber es ist schön“.[1]

Lasst in diesem Sinne Kinder mit Teppichlöwe und Schreibgiraffe schreiben.



Meine Tipps für mehr Offenheit im Schreiben zu Gunsten der kindlichen Bedürfnisse und der Leseförderung.
 
1. Feste offene Schreibstunden oder feste Schreibtage im Monat, an denen im Rahmen einer Werkstatt geschrieben und mündlich gemeinsam Geschichten erfunden werden. 

2. Zum Text wird gezeichnet, gemalt, collagiert oder Bücher gemacht oder umgekehrt

3. Kinder haben an diesen Tagen die Möglichkeit eine Abschrift bei der Lehrerin zu bestellen.  

4. Die getippten Texte werden als Monats- oder Jahreszeiten- oder Ferienlesebuch (für alle Kinder kopiert) veröffentlicht. (Kinder schreiben so auf ein Ziel hin. Und freuen sich auf die Texte der anderen Kinder.) 

5. Für Ideen greifen die Kinder auf den Werkstattbereich zurück oder schreiben einfach ganz frei was sie möchten. 

Hast du noch Fragen (zur Umsetzung)? Sprich mich an! Oder schreib mir!

Du kannst dies Blog dort auch nach Hause bestellen.


An den drei Wünschen der Kinder orientiere ich auch meine Online- Fortbildungen, zb: Schnupperkurs 4: Laulali und Wolkentiger. Vergnüglich kreativ schreiben in Grundschule, OGS und Bibliothek und und und ..

Liebe Grüße und lasst die Buchstaben rascheln!


[1] Oskar Pastior in: Herta Müller: Lebensangst und Worthunger, München 2013

Das Foto vom Raufasertext ganz am Anfang hat Simone Scharbert in einem gemeinsamen Workshop gemacht.

andreakarime55 at hotmail.com

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