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"das wort ist ein geschichtenbüro" erik, 4

  • AutorenbildAndrea Karimé

Wortonikum. Von Oma bis Niemalsnest.

Tagebuchstaben 9

jeden tag ein notat. (auch das hilft durch fiesezeit.)

jeden morgen schreibe ich morgenseiten und daraus filtere ich ein notat. gedanken des tages. momente des tages. mein writerslife und der hallraum, in dem es schwirrt. manchmal mit wörtern aus meinem manteltaschenbuch. manchmal mit wörtern von anderen, die ich gerade lese. manchmal nur aus den seiten des morgens.

Illu: Birgit Wehye @comic-salon erlangen

Dienstag, der 20.2.2924 (Demokratie)

Was für ein erfreuliches Planungsgespräch liegt hinter uns. Vier Perspektiven geballte Kompetenz. Politische Diplomatie, Critical Whiteness, Anti-Rassismus Engagement, Internationale Biografie, Zuwanderungsgeschichte, Mehrsprachigkeit und den Trust an die Kraft des Dialogs, der Geschichten und der Poesie. Und wir planen eine Lesung am 7.3. in der Stadtbibliothek Ratingen.


Und wie schön, dass die Verhältnisse auf dem Podium den Verhältnissen der radikalen Vielfalt in unserer Gesellschaft -Ca. 50 Prozent der neuen Erstklässler haben Zuwanderungsgeschichte, internationale Biografie oder sind mehrsprachig-, angepasst sind, sie abbilden.

So wird Diversity normalisiert und kann als Antidot gegen antidemokratische Strömungen wirken.


Kinder brauchen Vorbilder, denen Demokratie wichtig ist, und die als Akteur/innen der Kinderliteratur radikal vielfältig sind. Damit alle Kinder einen Link zur Literatur und Demokratie finden.

Aber: Das ist definitiv eine Ausnahmeerscheinung. Oder in welchen Kinderliteraturpodcasts/Panels/Feuilletons hat kürzlich eine Person of Color gesprochen? (Außer der Jugendbuchpreisträgerin Chantal-Fleur Sandjon?)


Mittwoch, der 21.2.24 (Sprache)

Heute ist der Tag der Muttersprachen. Die Muttersprache meiner Mutter ist Deutsch. Die Muttersprache meines Vaters ist Arabisch. Deutsch ist meine Muttersprache. Arabisch ist meine Vatersprache. Mein Vater hat mir meine Vatersprache, seine Muttersprache, Arabisch nicht beigebracht. Und dennoch gehört Arabisch zu mir und beeinflusst meine Wörter. Jedes Wort das ich in den arabischen Spiegel spreche kommt gefiedert zurück.


(Siehe auch mein Buch: Wörter, Wörter, Himmelörter. Sprachen erfinden. Konkursbuch Verlag 2023)



Donnerstag, der 22.2.24 (Vademecum)

„Diese Kinder“ Das höre ich oft. Aber es „Gibt keine diese Kinder. Es gibt nur unsere Kinder.“ Schreibt Aja Monet aus „Neue Töchter Afrikas“, ein Vademecum Schwarzer weiblicher Wort- und Erzählkunst und Poetry. Ein Empowermentbuch. Eine Kraft-Buchstaben-Suppe.

Und ja: Alle Kinder gehen alle was an.


Freitag, der 22.2.24 (Oma)

Krähengrauer Himmel. Ein paar blaue Federn. Jede Feder ein Gedanke. Krähengedanken. Mails bleiben aus, keine Anrufe, wenig Sprachnachrichten. Von außen keine Diktate zu Reagieren. Auf dem Teller liegt ein Sahneklecks wie ein zerknülltes Taschentuch neben Kuchen. Ein Teller voller Sorglosigkeiten. Ein paar Bilder, ein paar Wörter, ein paar Geräusche. Ein Gedicht vielleicht. Von meiner Augenwimper tropft eine Erinnerung: Ich habe kein Foto von meiner schon lang verstorbenen libanesischen Großmutter. Im Kopf ein weißes Kopftuch, ein langes Kleid. Portemonnaie im BH. Im Haus immer barfuß. Auf dem Boden sitzend Bohnen lesen. Geschnatter um sie herum. Ich bin 12 und beobachte vom Tisch aus mit Augen und Ohren. Heute besucht sie mich in Gedanken.


Samstag, der 24.2.24 (Schreiben)

Literatur ist ein Zufluchtsort, schreibt Tomer Dreyfus auf Instagram. Müde schreibt er es. Ich fühle mich nahostverwandt und wortverwandt. Hätte ich mein Schreiben nicht, hätte ich nicht viel, was einfach gut wird. Also die Geschichte, die sicher gut wird. Das (neue) Wort, das auftaucht und erfrischt, beinahe töricht leuchtet. Wie wichtig und schön etwa das Wort Purpur gestern. Und Purpurwolle. Ein pures Tonikum. In vollendeter türkischer Vokalharmonie ( büyük ünlü uyumu.) Erkennt ihr die Geschichte?


Sonntag, der 25.2.25 (Taube)

Aber in der Versammlung will ich lieber fünf Worte reden mit meinem Verstand, um auch andere zu unterweisen, als zehntausend Worte in einer Sprache“ (1. Korinther 14,19).

Jona heißt Taube. Er sprach die kürzeste Predigt aller Zeiten, nur fünf Wörter, und die wirkungsvollste. Und es ist eine der schönsten und humorvollsten Bibel-Geschichten für Kinder. Er liebt Tauben, wird von einem Wal verschluckt, versucht, sich vor Gott zu verstecken sieht, wie selbst eine Kuh in Ninive Buße tut und versteht die Welt nicht mehr, als Gott den Erzfeinden verzeiht.



Montag, der 26.2.24 (Montagsgedicht. Preview)


es gibt nicht diese kinder / es sind unsere kinder/

oder gar keine kinder

(Aja Monet)


unsere kinder wohnen im niemalsnest

unsere kinder fürchten sich vor sternen

unsere kinder hören mamapapasang nicht

unsere kinder werden im traum satt

unsere kinder augen seifenblasenleer

 

unsere kinder decken sich mit wolke zu

unsere kinder spielen verstecken nicht

unsere kinder sammeln schreimuscheln

unsere kinder lieben das märchen namens zukunft

unsere kinder weinen weinen das meer


 

Inspiriert durch aja monet, entdeckt in dem wunderbaren textband „Neue Töchter Afrikas“ (unrast verlag) (Thank you so much glenda und wopana und allen und stimmen afrikas)




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