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"das wort ist ein geschichtenbüro" erik, 4

  • AutorenbildAndrea Karimé

"Motekchen, ach Motekchen" - tagebuchstaben 30

Aktualisiert: 1. Juli

Tagebuchstaben

Mein Tagebuch/Wochenbuch diesmal mit sehr viel Arbeit und Kinderkraft, einem kleinen Zeitzelt, einem hebräischen Lieblingswort, poetischem Salz von Audre Lorde und natürlich einem Gedicht.

Andrea Karimé
Wortbrot Lyrik

Dienstag, der 25.6.24 (Tag)

Einmal mehr als nötig Danke sagen. Auf die Frage wie geht es mir: Danke gut. Einerseits. Ja, ich hab gemietetes Dach, Bett, Essen, Musik, Literatur, Arbeit Gemeinde, Freund*innen, Netzwerke, freie Tage, wie gestern, Urlaub und vieles mehr. Meine Arbeit wird geschätzt und gewürdigt. Ich freue mich allein diese Woche auf so vieles. Auf die Schreibwerkstatt in Bickendorf heute, auf den Probentag mit Martin am Samstag, auf das Essen bei bester Freundin am Sonntag, auf die Alle-Kinder-Bibel 2, an der gerade so viele tolle Menschen herumdenken und an der ich mit Claudia Währisch-Oblau gestern gearbeitet habe. Ich freue mich allein in puncto Arbeit auf so vieles. Also, es geht mir gut. Ein reiches Leben umfängt mich. Danke vielmals für all das. Aber gleichzeitig geht es mir auch nicht gut. Wenn ich den Hass-Pegel und das Wegschauen anschau. Nicht gut. Die „Auswüchse“ und Verbreitung derer die Menschlichkeit, Menschenrechte und Meinungsfreiheit abschaffen wollen ist unerträglich und bedrückend. Da hilft nur weiterzumachen. Immer nur einen Tag. Heute zum Beispiel mehrsprachige Kinder stärken. Wegschauen ist keine Option. Ich gehöre nicht der viel zu großen Sagenichtsmasse an.


Mittwoch, der 27.6.24 (Heimat)

Mir werden Worte zugespielt, wie investigative Infos. Heimat kommt aus dem Arabischen, schreibt mir eine Insta-Followerin.  خيمات Kheimat bedeutet Zelte. Und dabei darf der Anlaut kräftig gekucht werden. Also mit ch wie in Kuchen. Ich schreibe darf, weil Menschen, die keine Berührung mit der arabischen Sprache haben, immer alles „Arabische“ einfach nur „kuchen“; eine alberne und diskriminierende Vereinfachung, Arabisch auf diesen Rachenlaut zu reduzieren.


Donnerstag, der 28.6.24 (pinkblau)

Noch nicht ganz die letzten Veranstaltungen vor den Sommerferien, aber fast, sind die beiden Workshops heute und morgen im Altenberger Dom. Ich stehe dreieinhalb Stunden vor Workshopbeginn auf, der Himmel in pinkblauen Dreads. Momentan ist das Arbeitsvolumen so hoch, so viel läuft parallel, dass ich noch abends arbeite, wie gestern, als noch um halb neun vorbereitet werden musste: Zines und Gedichte mit Klasse 6. Wie letzten Samstag, als ich bis 23 Uhr Texte getippt habe, überhaupt: den Samstag nicht freihatte. Aber auch das habe ich in 12 Jahren Grundschullehramt gelernt: Viele Arbeitsprozesse nebeneinander im Blick zu halten. Wenn ich heute Nachmittag nach Hause komme, werde ich noch die Wörter verschicken, die mir viele Menschen für die Alle-Kinder-Bibel übersetzen wollen. Immer sinds kleine Trios, die da auf die Reise gehen, kleine Tüten Poesie. Albanisch: Linsen; Glitzern; Königin. Arabisch: Segen; Widerwort; Mut. Und so weiter.


Freitag, der 29.6.24 (Ausländer)

„Es bedrückt/ mich so die Welt/ soll sich verändern/“, schrieb eine 12-jährige in meinem Workshop im Rahmen eines Zines. Das bedrückt mich sehr. Nachdem es gestern schon ein Zine über „Ausländer und Deutsche“ gab.

„Deutsche sind doch auch in allen Ländern, warum dürfen Ausländer das nicht?“ Wie viel die Kinder mitbekommen. Wie groß die Sorgen überall sind. Wie sehr des Mädchens Name Ausländer ist, denke ich, und zitiere natürlich Semra Ertans Gedicht "Mein Name ist Ausländer". Ich denke an ihre tragische Geschichte.

Samstag, der 29.6.24 (Zelt)

Ich setze fünf Eier auf, weil ich sie aufsetzen muss, bevor sie verderben, und ich nehme mich in ein kleines Zeitzelt wahr. Zehn Minuten. Zwischen Eieraufsetzung und Eierabgießung fülle ich, füllt sich das Zeitzelt. Haferflocken aufkochen, Kräuterbeutel in die Thermoskanne stecken, Haare waschen, schnell duschen, nach 7 Minuten die Haferflamme ausstellen, die Sporttasche packen, Eier ausstellen. Jetzt erst bemerke ich erst, was alles in diesem Zehnminutenzeitzelt wohnt. Eier, Hafer, Tasche, Dusche, Haare, Kräuterbeutel, Thermoskanne.


Sonntag, der 30.6.24 (Poesie)

„Poesie macht etwas möglich. … Es macht dich möglich. Es bewegt dein Leben“, schreibt die großartige Dichterin und Aktivistin und Lehrerin Audre Lord in dem Band „Kraft Vertrauen Widerstand – Kurze Texte und Reden“, zu dem ich immer wieder greife, weil der Titel allein Notwendigkeiten der Zeit postuliert und mich beschreibt. Meine Existenz als Kinderbuchautorin und Dichterin. Audre Lorde hat ihre Arbeit als Dichterin als untrennbar mit ihrer Arbeit als Aktivistin und Lehrerin begriffen und darin schon liegt Zauber, und wieder die Verbindung zu mir, ich denke an letzten Samstag, wo ich aufs Tiefste erfüllt war von einem Schreibtag mit 13 Bickendorfer Kids, die allmählich die Kraft ihrer Sprache entdecken, den Spaß und das Vertrauen in ihre Schreibkünste. „Mir fällt jetzt immer was ein!“, sagt Amine Zehra, nachdem sie die Magie der ersten Sätze entdeckt hat. Ich habe jeden Text im Hinblick auf seine Kräfte untersucht, um dies den Kindern mitzuteilen. Da ist alles dabei: Von der Spannung über den Humor zur Worterfindung, von der poetisch-geheimnisvollen Atmosphäre eines Gedichts zum Zauber der Mehrsprachigkeit.

„… Schlange isst/ ihre eigene Nase/ Yılan /burnunu yiyor…“

(tagebuchstaben)


Montagsgedicht (Wolle)

Motekchen oh Motekchen

Was hast du in dein Päckchen?

Ein Honigblüten-Schleckchen?

Ein Mogelflügeljäckchen?

Nein Morgenfalterdeckchen

und Wolle Wunder Weckchen

Verzaubert blau Gebäckchen

Motekchen ach Motekchen                  


Motek (hebräisch Süße*r, Schätzchen מותק)

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