"das wort ist ein geschichtenbüro" erik, 4

  • Andrea Karimé

NEID im SCHREIBLIFE





Wieder wurde ein Jugendliteraturpreis vergeben. Wieder nicht an mich!




Beneiden und beneidet zu werden, charakterisiert das Leben als Künstlerin/Kinderbuchautor*in. Beides muss einem zum Schutz der Arbeit und zum Selbstschutz bewusst werden.


Es gibt Kolleg*innen, die nie neidisch sind. Die brauchen das hier nicht zu lesen. Aber es sind die wenigsten, da unser Beruf so unsicher ist, die Arbeitsbedingungen so prekär sind.

Als ich vor 20 Jahren zu schreiben begann, litt ich schrecklich unter Neidattacken. Immer wenn ich eine Erfolgsmeldung eines Kollegen las, bremste mich das aus. Ein Erfolg einer anderen Kinderbuchautor*in schien etwas über meine Arbeit zu sagen. Und sie sinnlos werden zu lassen.


Aber ich war auch neidisch auf größere Verlage, höhere Vorschüsse, mehr Sichtbarkeit in den sozialen Medien, und nicht zuletzt auf Ideen, die ich gern selbst gehabt hätte.


Neid ist destruktiv! Er kann zu Blockaden führen und lebendigen Kolleg*innenaustausch verhindern. Dieser ist unglaublich wichtig und bereichernd in unserem oft einsamen Schreiblife. Umgekehrt musst du auch die Destruktivität des Neids anderer auf deinen Erfolg entlarven und von dir fernhalten.


Folgende Strategien habe ich gegen Neid angewandt:

1. Analysiere das Neidobjekt. Auf was genau bist du neidisch? Dabei habe ich festgestellt, dass vieles, auf was ich neidisch bin, gar nicht zu mir passt und dass ich tatsächlich auch nicht die Fähigkeiten für etwas mitbringe, das scheinbar so attraktiv ist, etwa die Produktion von Kinderbuchreihen. Ich habe festgestellt, dass mir das nicht liegt, und dass ich oft Geschichten schreibe, die in einem Buch auserzählt sind. Anderes würde ich wirklich auch gern erreichen, und das nehme ich dann als Ansporn. Zu Beginn meiner Arbeit vor 15 Jahren habe ich zum Beispiel immer aller beneidet, die ständig zu Lesungen und Workshops eingeladen wurden. Das habe ich als Ansporn genommen, mich auch zu bewerben.

2. Verschaffe dir Einblicke in die Branche.

Erfolg ist leider nicht immer Sache von Qualität, als vielmehr von Glück, Beziehungen und Privilegien. Nichtweiße Menschen haben es schwerer in den Kinderbuchbetrieb einzusteigen, als Weiße, und Männer werden oft auch bevorzugt. Wenn du innovative (angeblich nicht verkäufliche) Projekte schreibst, hast du es unter Umständen auch schwerer, als jemand der sich an die üblichen Erzähl- und Sprachgesetze hält, weil Verlage in Deutschland ungern Risiken eingehen. Gibt immer Ausnahmen, aber es ist wichtig zu wissen, dass Misserfolge auch strukturelle Ursachen haben. Bestimmte Verlage gewinnen immer Preise andere nie!

Man muss Jönne könne, sagt man in Köln.

Foto: Gala Hummel

3. Aber das ultimative Antidot gegen Neid ist die Freude über den Erfolg anderer. Gratulieren, herzen, Freude ausbreiten. Man muss Jönne könne, sagt man in Köln. Lern den anderen den Erfolg herzly zu gönnen. Am Anfang musst du vielleicht mal so tun als ob. Aber es wird auf dich übergehen. Dann wirkt es wie ein Wundermittel auf deine Stimmung und die Beziehung zu anderen Künstler*innen, denn Mitfreude tut allen gut!

Kolleg*innentreffen in Zürich.

4. Ganz wichtig waren die Kolleg*innen des Vertrauens, mit denen ich mich austauschen konnte. Ich stellte fest, dass ich nicht die einzige „Neidhammel*in“ war, die sich vom Erfolg anderer bedroht fühlte. Viele haben das Problem. Und berichteten mir, wie sie damit umgehen.


5. Verhilf anderen zum Erfolg. Mach Shoutouts. Gib deine Kontakte weiter, wenn es passt. Das ist sehr wohltuend und wichtig. You ll rise by lifting others.


Was aber wenn du beneidet wirst? Kein Problem, sagst du? Neid ist destruktiv. Wenn jemand deinen Erfolg abwertet oder deine Arbeit öffentlich geringschätzt ist sehr wahrscheinlich Neid im Spiel. Diese folgende Geschichte ist typisch für das was ich und andere Kolleg*innen immer wieder erleben. Und was Neid anrichten kann.

Eine Neidgeschichte


Eine bundesweiten Arbeitsgruppe Kinderbuchautor*innen wollte einmal ein Panel über Realismus in der Kinderliteratur auf der Frankfurter Buchmesse veranstalten. In Köln redeten wir bei einem Kinderbuchautor*innenabend auch darüber, da die Kollegin aus dem Vorbereitungsteam uns besuchte. Sie gab bekannt, dass ich als Speakerin dabei sein sollte, da ich gerade den Kinderbuchpreis NRW gewonnen hatte. „Wir wollen eine Kinderbuchautorin haben, die momentan sehr erfolgreich ist!“, waren ihre Worte. Ein Kollege aber hielt vor versammelter Kölner „Mannschaft“ dagegen: „Nehmen wir doch lieber Christa T.,[1] die erreicht doch viel mehr Kinder als Andrea!“ (Christa T., nicht anwesend, hat tatsächlich sehr hohe Auflagen und ihre Bücher wurden in viele Sprachen übersetzt. ) Ich war ehrlich gesagt sprachlos über so viel Arroganz! Gleichzeitig habe ich mich geschämt. Wie hatte ich denken können, dass ich als Kinderbuchautor*in eine wichtige Stimme bin? Die Abwertung durch den Kollegen war in Selbstabwertung übergegangen.


Das lasse ich heute nicht mehr zu.

Ich lasse schon lange nicht mehr zu, dass diese Art Abwertung mich angreift! Ich kenne mittlerweile genug wertschätzende Kolleg*innen. Ich freu mich ehrlich für die Erfolge anderer, genau wie für meine. Das ist der Weg.

Kolleg*innentreffen in Zürich.


Es hat gedauert, bis ich verstanden habe, dass der Kollege damals auf mich und die Anerkennung, die ich durch das Kolleg*innenteam erhalten hatte, neidisch war, und sich geärgert hatte, dass nicht er vorgeschlagen wurde. (Schließlich war er auch so bekannt wie Christa T. erhielt höhere Vorschüsse und höhere Auflagen und so weiter.) Stattdessen war eine Kinderbuchautorin vorgeschlagen worden, die in seinen Augen kaum Leser*innen hat. Kinder angeblich gar nicht erreicht!

Damals war ich geschockt, dass jemand öffentlich so mikroaggressiv sein konnte.

Heute antwortete ich: "Oh, danke für deine Perspektive!“ Oder „Entschuldige, ich verstehe nicht? Was soll das heißen?“
Oder
"Ach, du weißt wie viele Kinder ich erreiche? Dann lass mal hören!"

[1] Den Namen habe ich natürlich geändert. Die betreffende Autorin war gar nicht anwesend. Sie konnte auch nichts dafür. Vermutlich hätte sie es nicht mal gut geheißen. Warum auch? Vielleicht weil „tolle Dichter:innen, egal welche Form sie wählen, eher großzügige Gemüter sind, die sich für Menschen interessieren, während mittelmäßige Dichter:innen egal welche Form sie wählen … versessen darauf (sind) Unzulänglichkeiten im Werk anderer aufzuzeigen.“ (Kae Tempest in ihrem Essay „Verbundenheit“ Berlin 2021)

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