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"das wort ist ein geschichtenbüro" erik, 4

  • AutorenbildAndrea Karimé

„Liebe Kinder“ – Adultismus nicht aus dem (Denk-) Blick verlieren

Buchempfehlung/ Denkempfehlung



„Allerdings sind Kinder zu den allergrößten denkbaren kognitiven und sonstigen Leistungen imstande!“,


schreibt der weiße deutsch-deutsche Philosoph Markus Gabriel, und das allein nimmt mich, als Kinderbuchautorin, die sich gerade mit dem weiten Feld des Adultismus beschäftigt, für sein Buch „Liebe Kinder oder Zukunft als Quelle der Verantwortung“ ein,


auch, dass auf der ersten Seite des Buchs das Wort „Adultismus“ steht und folgendermaßen erklärt wird: „… gesellschaftlich ausgrenzende Haltung gegenüber Kindern auf Grund ihres geringen Alters und ihrer vermeintlichen Unreife.“


Denn es scheint auch der breiten „Antidiskriminierungsintelligenz“ und den vielen Aktivist*innen  gegen -ismen bisher entgangen zu sein, dass auch Kinder zu einer sehr großen nämlich Mehrheit, gehören, die von Erwachsenen (Systemen) unterdrückt und diskriminiert werden. Zumindest wird das in den vielen Äußerungen/Publikationen erfolgreich ausgeblendet. (Ich lese gern alle, die sich damit beschäftigen.)

Und dass, obwohl wir alle Kinder waren und unsere Kindheit uns maßgeblich immer noch beeinflusst.


Doch „Kinderrechte sind Menschenrechte“, schreibt Markus Gabriel und Kinder denken auch schon „moralisch und ästhetisch“.

So zeichnet der Text Kinder vor allem als wichtige Stimme für unsere Gesellschaft, in dem er u.a. aufzeigt wie wesentlich kindliches Bewusstsein und kindliche Wahrnehmung, also kindliche Kompetenzen, zu nehmen sind, um die drängendsten Probleme der Zeit anzugehen und Verantwortung für unsere Zukunft zu übernehmen und leitet die Notwendigkeit des „Gedankenexperiments Kinderwahlrecht“ aus der Beleuchtung der Begriffe (Probleme) Bewusstsein und Zeit her.


So ist etwa das „Laternenbewusstsein“ der Kinder, also ein Bewusstsein, das „zerstreut“ eher ganze Felder wahrnimmt, als nur einen Spot, auf den das vermeintlich erwachsene Bewusstsein (welches Aspekte kindlichen Bewusstsein nie ganz aufgibt) oft seinen Scheinwerfer fukussiert richtet, bedeutsam, da es ein empathisches Bewusstsein ist, das auf „Diversität des Bewusstseins“ deutet.


„Kinder zeigen uns, warum wir nicht davon ausgehen können, dass es eine einheitliche, von einer überwiegenden Mehrheit geteilte, säkulare Bewusstseinsform gibt, die wir als Norm ansetzen dürfen!“

Und auch ist der Blick der Kinder auf die Zukunft, nämlich ihr scheinbare Unwissen über deren Unbill, unterschätzt. Der Autor stellt überzeugend dar, wie uns keine Naturwissenschaft die Zukunft voraussagen kann, und wie in dem Zusammenhang das stete Wissen der Kinder, -als Unwissen verrufen- „Die Zukunft ist offen“ – absolut zutreffend und wieder hilfreich ist, denn nur die Wahrnehmung dieser Tatsache bringt uns dazu Verantwortung für dieselbe zu übernehmen.


Das führt den Autor zu einem notwendigen Gedankenexperiment. Das Kinderwahlrecht. Es zu durchdenken hat für ihn einen Sachgrund, der darin besteht „dass wir anhand dieses Themas erproben können, wie viel Adultismus in unserem Denken, Handeln und damit in unseren Institutionen steckt.“

Wer jetzt aufschreit, Kinder seien ja wirklich nicht reif oder vernünftig genug, dem nimmt vielleicht die Tatsache den Wind aus den Segeln, dass das „bekanntlich auf viele Erwachsene ebenso zutrifft und zum Glück nicht dazu führt, dass wir sie ihrer politischen Stimme berauben.“


Ich hab das Essay sehr gern gelesen, und selbst und gerade als machtkritische Kinderbuchautorin, die behauptet, dass die meiste Kinderliteratur in adultistischer Haltung geschrieben wird, bekomme ich wertvolles neues Denkgepäck. 


Ich möchte aber nicht unerwähnt lassen, dass ich mich ärgere, dass ein Essay über Adultismus die Arbeit von Manu Ritz und ihrer Tochter Simbi Schwartz komplett ignoriert. Das war mir auch schon bei Finn-Ole Heinrich aufgefallen, als er im Spiegel zu Adultismus schrieb. Manu Ritz war die erste, die den Begriff nach Deutschland gebracht hat und seit mindestens 20 Jahren Fortbildungen dazu gibt. Ich möchte deshalb hier auch ausdrücklich auf das Buch der beiden „Adultismus und Kritisches Erwachsensein“  im Unrast Verlag hinweisen, welches ich als nächstes besprechen werde.


Vielen Dank für das kostenlose Rezensionsexemplar.



Markus Gabriel, „Liebe Kinder oder Zukunft als Quelle der Verantwortung“, erschienen 2023 in der Briefreihe des wunderschönen Kjona Verlags.

 

 

 

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