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  • Andrea Karimé

Gestohlene Sterne - Krieg, Kinder und die Kraft der Geschichten

Aktualisiert: 18. Apr.


Viele Menschen beschäftigt derzeit die Kriegsbedrohung in Europa und das Leid der Menschen in der Ukraine. Wie geht es Kindern damit und wie darüber mit Ihnen sprechen? In meinem Blogartikel möchte ich einige Erfahrungen mit Euch teilen. Einmal die Erfahrung, selbst als Kind den Ausbruch des Bürgerkriegs im Libanon erlebt zu haben, ich erzähle vom Potenzial der Kinderbücher und Geschichten und von Schreibwerkstätten mit geflüchteten Kindern.





Bild: J. aus Syrien vermisst ihren Hund.

1. Kindheit und Krieg. Meine Geschichte 1975 verbrachte ich eine mehrere Monate in Tripoli im Nordlibanon, der Heimat meines Vaters. Mitten in dieser Zeit brach ein Krieg aus, der 15 Jahre lang dauern sollte. Ich hatte das Privileg, nicht bleiben zu müssen, da meine Heimat in Deutschland war, aber die Ereignisse sollten sich für immer in meinen Körper einschreiben. Vom nächtlichen Wachen wegen Schüssen und der Vibration durch Panzer über die ängstlichen Gesichter der Erwachsenen vorm Fernseher bis zum Bangen um die letzten Flüge. Vielleicht lag es daran, dass mein erstes Kinderbuch, eine Geschichte von einem von Krieg im Irak geflüchteten Mädchens war.


Als 2006 ein weiterer Krieg im Libanon ausbrach, wurden alle Erinnerungen, und alles was meine Verwandten erzählt und erlitten haben wieder lebendig. Ich begann meine Geschichte aufzuschreiben für Kinder.

"Tee mit Onkel Mustafa" ist die Geschichte eines Mädchens, das mit zwei Religionen, Sprachen und Kulturen in Deutschland aufwächst, aber in die Wirren des Kriegsausbruchs bei einem Besuch im Libanon gezogen wird.

Auch die jetzige Situation lässt Ängste und Erinnerungen lebendig werden, aber ich denke an alle Kinder, und besonders an die, die bereits wegen eines Krieges nach Deutschland geflohen sind, wie Nuri.


Foto: Ich, ein Jahr später,.     

2. Geschichtenwerkstatt mit syrischen Kindern Köln 
Als mich Larissa Bender von der Syrienhilfe Köln e.V.  im Sommer 2016 gefragt hat, ob ich eine Lesung für die syrischen Kinder in einer Kölner Einrichtung machen würde, sagte ich sofort zu, obschon ich auch Bedenken hatte, ob die Kinder mich verstehen würden. Dass die Lesung so ein großer Erfolg wurde, hatte ich nicht erwartet. Auch nicht, dass so viele Kinder schon gut Deutsch sprechen und verstehen konnten und mit meinen lediglich elementaren Arabischkenntnissen Sprachbälle zwischen mir und den Kindern lustvoll hin- und herfliegen konnten. Die Flexibilität, das Engagement und die Klugheit der Kinder sowie ihr riesiges Interesse an Geschichten,  auch daran, selbst welche zu erfinden, hat mich so begeistert, dass ich sofort Lust hatte,  im Anschluss eine  Werkstatt anzubieten. Larissa Bender von der Syrienhilfe hat eine kleine Info für die Eltern auf Arabisch übersetzt. So machte ich immer wieder sonntags auf in eine Unterkunft in Köln, die über einen (wenn auch lausigen) Gemeinschaftsraum verfügt. Im Gepäck hatte ich meinen Geschichtenteppich, kurze Tier-Geschichten aus aller Welt, meine Bücher sowie ein kleines Aufnahmegerät, von den Kindern „Sprecher“ getauft. Außerdem alles was man zum Zeichen und Kleben von Bildern braucht. Mehr ist nicht nötig um Geschichten entstehen zu lassen und einzufangen. Die Kinder haben ihre Geschichten in kleine selbstgebastelte Hefte notiert und gezeichnet oder diktiert. Manche Kinder haben als Übersetzer fungiert.  

Begleitet hat uns die Geschichte von Soraya, das kleine Kamel, das die Sterne vom Himmel holen möchte und sich eine Kette daraus machen, und niemand glaubt daran, dass das klappt. Es ist eine zutiefst tröstende Geschichte, das Motiv der Sterne haben die Kinder aufgegriffen und weiterverarbeitet. Berührende Texte sind entstanden.


Die Fische schwimmen im Meer.
Blablabla ist die Meermusik.
Die Menschen essen Fische.
So leben die Fische in Angst. (R., 10 Jahre alt)




In den Geschichten werden Tapferkeit, Hoffnung und Ängste der Kinder deutlich.

Es war einmal ein Delfin.
Er kam aus Amerika.                                                    
Er half Menschen.
Er schwamm extra nach Deutschland
um den Menschen zu helfen.
Damit sie genug Kraft haben,
den Syrern zu helfen. (R., 12 Jahre alt)


In einer poetischen Bildsprache setzen sie sich mit dem erlebten Schrecken und großen Fragen auseinander.






Einmal wollten zwei Jungen
die Sterne von der Syrienflagge
klauen. Sie schafften es nicht, weil
die Flagge so hoch war. Und die Jungen zu klein.
Und dann flog die Flagge weg!  W., 12 Jahre alt


Das Exilland Deutschland spielt in vielen Geschichten eine genauso große Rolle wie das Heimatland. Von Freude, Trauer und Zerrissenheit erzählen die KInder.

Syrien ist besser, weil es mein Land ist.
Und meine Familie ist da.
Und meine Freunde.
Aber es gab Bomben dort.                                                 
Und jeden Tag Krieg.
Mein Vater war im Libanon.
Da kam eine Bombe in mein Haus.
Wir sind traurig.  (M,.13)


Drei Wolken gingen spazieren.                           
Die eine sagte: „Ich will ein Herz haben!
Die zweite: „ich auch!“  Die dritte sagte: „ich auch auch!
Da kam eine Stimme: „Hallo, hier sind wir. In Deutschland.
Das waren die drei Herzen.  (K., 6 Jahre alt)


3. Kinderbücher und Freies Schreiben gerade jetzt Wie mit Kindern jetzt über Krieg sprechen? Wichtig ist das Bewusstsein, dass es in Deutschland bereits sehr viele Kinder gibt, die Krieg erlebt haben. Für sie ist das erneute Erleben einer solchen Bedrohung möglicherweise retraumatisierend. Deswegen ist es für Lehrerinnen immer wichtig sie im Blick zu haben und eine eventuelle Überforderung zu vermeiden. Geschichten schreiben ist ein wunderbares Mittel um die Kinder sich ausdrücken zu lassen. Ich empfehle die Technik des Freien Schreibens. Auch jetzt in meiner aktuellen Kalker Schreibwerkstatt ist Krieg ein Thema, das auf den Tisch kommt. Im Freien Schreiben können die Kinder die Wahl ob sie es thematisieren wollen oder sich über erfundene Geschichten amüsieren, erleichtern und ausdrücken wollen.

Auch Eltern können mit ihren Kindern Geschichten erfinden und das Erlebte, Ängste oder Sorgen bahnt sich über die Fantasie den Weg und führt zur Selbstermächtigung, da das Erlebte über die Gestaltung auf dem Papier Kräfte und Hoffnung freisetzen kann.

Geschichten wie Soraya das kleine Kamel und andere poetische Geschichten machen Mut und können für einen kleinen Zeitraum Geborgenheit vermitteln. Natürlich können Sie auch Bilderbücher oder Kinderromane zur Hilfe nehmen, in denen aus der Sicht der Kinder erzählt wird.“ Lest zB die Geschichten der syrischen Kinder mit ihnen. Unten findet ihr auch noch Lektüretipps. Das ist geboten und unproblematisch, wenn Kinder in einer ansonsten sorgenfreien Welt leben, sie bisher noch keinerlei persönliche Erfahrungen mit Krieg oder Flucht gemacht haben. Für Kinder, die bereits Krieg erlebt haben, muss gewährleistet sein, dass sie getröstet und angemessen aufgefangen werden können nach der Lektüre. Den Krieg erklären kann aber niemand. Erwachsenen dürfen auch gern mal sagen, dass wir nicht wissen, wie es weiter geht, und die Frage „Warum Krieg?“ kann letztlich niemand genau beantworten kann.


Bücher zum Thema:

Claude K Dubois: Akim rennt. Ab 4. Akim spielt gerade mit anderen Kindern, als die Luft von Lärm und Schüssen erbebt. Er rennt nach Hause, aber das Haus ist zerstört und keiner mehr da. Er rennt weiter, rennt um sein Leben, rennt, bis er auf eine Gruppe Flüchtlinge stößt …

Andrea Karimé Mondkaninchen. Ab 4. Als das Land der Schwestern „kaputt gemacht“ wird, müssen sie mit ihrer Mutter fliehen. Papa und der Buder kommen nach. Aber glücklicherweise helfen die Mondkaninchen.


Andrea Karimé „Tee mit Onkel Mustafa“ für Kinder ab 8 – Mina erlebt Sommerferien im Libanon bei Ausbruch des Bürgerkriegs (mit viel Humor erzählte Geschichte)


Mehrnousch Zaeri Esfahani „33 Bogen und ein Teehaus“ ab 8 – autobiografische Geschichte einer Flucht. Sehr poetisch und feinfühlig erzählt.








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