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  • Andrea Karimé

Schreibschatztruhe, Zuschreibung, Repräsentation - Arbeiten als Kinderbuchautorin of Colour



Was heißt das eigentlich, als Kinderbuchautorin of Colour zu arbeiten?

Natürlich sind meine Arbeitsbedingungen zum großen Teil genau wie bei weißen Autor*innen. Existenzängste, Lesungen, Schreibblockaden, im Flow sein, Recherche usw. Doch als zum weltweißen Protest Schwarzer Menschen[1] gegen Rassismus und gegen die sogenannte „White supremacy“ [2] 2020 auch in Deutschland die Diskussionen lauter wurde, habe hat sich auch für mich vieles verändert. Perspektiven und Einstellungen wurden überdacht, vieles wurde berichtet, erzählt und enthüllt seitdem, und als Tochter eines arabischen Vaters habe ich mich in diesem Diskurs wiedergefunden und festgestellt, dass meine Strategie im Umgang mit Rassismus Verdrängung hieß. Mir wurde bewusst, dass ich ebenso eine Person of Colour[3] und von Rasissmus betroffen bin. Als ich das das erste Mal schrieb, in einer Poetikvorlesung für die Uni Halle, war es wie „ein Coming-Out als Nichtweiße“[4], so Olivia Wenzel, die Autorin des wundervollen, für den deutschen Buchpreis 20 nominierten Romans „1000 Serpentinen Angst“ in einem Interview gesagt hat. In ihrem Roman hat sie den Prozess dieser Bewusstwerdung eindringlich beschrieben. Die Perspektive aus der ich schreibe ist also die einer Kinderbuchautorin of Colour. Doch was bedeutet das eigentlich? Ich nenne nur drei Charakteristika, da ist noch mehr, aber das vielleicht mal wann anders.

1. Zuschreibungen

Als Person of Colour musst du mit Zuschreibungen und Mikroaggressionen leben. Mein Vater stammt aus dem Libanon, meine Mutter ist Deutsche. Ich liebe die deutsche Sprache, es ist meine beste. Aber wenn ich etwa auf meinen Deutschlehrer im Gymnasium gehört hätte, wäre ich nie Kinderbuchautorin geworden. Er war nicht davon zu überzeugen gewesen, dass Deutsch meine Muttersprache ist, und dass ich diese beherrsche. "Immer weiß jemand besser Bescheid über dich, deine Herkunft, das Land deines Vater usw", das habe ich mit 11 gelernt.



Autorin of Colour zu sein bedeutet, dass ich mich an Kindheit mit Rassismen erinnere. Das bringt einen anderen Blick auf Kindheit. Es bringt die Empathie der Marginalisierten. Genau wie Frauen in der Regel mehr Empathie mit Männern zeigen als umgekehrt, haben PoC's mehr Empathie mit weißen Menschen, wie man in dem Buch von Emilia Roig "Why we matter" nachlesen kann. Zum Beispiel erfahren PoC sehr viel mehr über weiße Menschen in Filmen und Büchern als umgekehrt. Kinderbuchautorin of Colour zu sein heißt aber auch, mich heute beinahe täglich mit Rassismus auseinandersetzen zu müssen. Etwa auch mit dem Rassismus mancher Kinderbuch-Kolleg*innen –„Ach, mit deiner Herkunft gewinnst du doch jeden Preis!“ oder „Nein, die Hauptfigur kann ich mir nicht dunkel vorstellen!“ Und es gibt Anfragen wie: "Kannst du mir helfen meine Figur orientalisch "auszustatten"? Was für die einen Kulisse ist, ist für mich Lebensrealität.

2. Repräsentation / Vielstimmigkeit Als Autorin of Colour trage ich zur (hoffentlich bald wachsenden) Vielstimmigkeit in der Kinderliteratur dieses Landes bei. Vielstimmigkeit gefällt mir besser als Vielfalt, weil es darauf hinweist, dass viele was zu sagen haben, was in Deutschland zurzeit leider noch nicht der Fall ist, da es nur ganz wenige Kinderbuchautor*innen auf Colour gibt.


Ich hatte eine arabisch-deutsche Kindheit in Deutschland und das prägt mein Narrativ, meine Literatur. Ich schaffe immer eine Buch-Welt, in der kulturell diverse Figuren das Sagen haben, da das für mich Normalität ist.


„Das ist einfach mein Blick auf die Welt.“ (Sasha Mariana Salzmann in einem Interview)


Auch wenn die Illustratorinnen meiner Bücher das nicht immer erkennen und die Figuren meiner Bücher weiß imaginieren. Weil sich das "Weiße" für Verlage besser verkauft. Ich habe nicht immer Einfluss darauf. Denn die meisten weißen Illustratorinnen gestalten die Hauptfiguren eines Buchs immer nur weiß, es sei denn im Text spielen Herkunft und Hautfarbe eine Rolle.

Mit meinem ersten Kinderbuch „Nuri und der Geschichtenteppich“ bin ich angetreten, um Kinderbuchfiguren zu schaffen, die nicht weiß, aber trotzdem starke Persönlichkeiten, Held*innen sind und alles andere als Opfer. Da Nuri eine Fluchtgeschichte ist, lag es auch in der Vorstellung der Illustratorin, dass Nuri eine Heldin of Colour ist.

Aber Repräsentation findet nicht nur im Schreiben der Bücher statt, sondern auch auf Lesungen und Workshops mit Kindern. Autor*innen of Color sind komplett unterrepräsentiert, mehr noch, Wir können sie an einer Hand abzählen. Welche Namen fallen Ihnen auf Anhieb ein? Die Bachmannpreisträgerin und Schwarze britische Autorin deutscher Sprache Sharon Dodua Otoo hat in ihrer Lesung beim „Textland-Literaturfestival“ Bilder von Teams gezeigt: Verlagsmitarbeiter*innen, Kritiker*innen, Literaturpreisjurys, Autor*innen auf Literaturfesten. Eine komplett weiße Literaturlandschaft. Sie erzählte wie ihr Sohn die Präsentation kommentierte: Wenn schwarze Kinder das sehen, glauben Sie nicht, dass sie auch mal Schriftsteller werden können.[5] Umgekehrt erleben die über 30 Prozent dKinder of Colour eine Kinderbuchautor*in of Colour als Vorbild und Ermutigung, das Lesen und Schreiben sowie ihre Sprachen als Potenziale zu sich zu nehmen.

3. Schreibschatztruhen Als Autorin of Color habe ich eine besondere Schreibschatztruhe.

Wie etwa die persisch-deutsche Geschichtenerzählerin und Schriftstellerin Mehrnoush Zaeri-Esfahani.

Sie erzählt in ihrem Essay „Als Deutsch noch nicht meine Zunge war“[6] und in ihren „Denkwerkstätten“[7] vom Inhalt ihrer inneren Schatztruhe, die unter anderem „die schwarzen und bunten Steine“[8] enthält und: „.. ein unendlicher Schatz an Erinnerungen, Gerüchen, Gedanken, Traditionen, Liedern, Geschichten, meine persische Zunge und auch meine fantastischen Wesen. Aber darin befanden sich auch die Trauer und der Schmerz über den Verlust der Heimat. Die Trauer, die ich vermieden hatte, vergessen wollte.“ [9] Der Verlust der Heimat, die Flucht und die erlebte Angst sind die schwarzen Steine in Zaeris Schatztruhe. Meisterhaft hat sie diese in Literatur verwandelt; in zwei Versionen, eine realistische, eine fantastische. Das war nicht möglich, ohne sich auch die schwarzen Steine anzuschauen.[10]


Wodurch sie ihre „bunten Steine“ , ihre literarischen Potenziale – „Geschichten, meine persische Zunge und auch meine fantastischen Wesen“, ihr Narrativ, realisieren konnte. Diese Geschichte ist ein Beispiel für das Narrativ einer Autorin of Colour. Für den Beitrag zur Vielstimmigkeit. Die gesamte Schatztruhe mit fantastischen Wesen und bunter Zunge fließt aber durch sie in die deutschsprachige Kinderliteratur ein. Das Potenzial, die Geschichten, die Erzählweisen, die Sprachen. Die „schwarzen und die bunten Steine“, danke liebe Mehrnousch für dieses Bild.





In meiner Schreibschatztruhe wohnt der Granatapfel neben der Hessischen Grünen Soße und die Wörter meiner Kindheit fliegen darin genauso herum wie die Wörter von Kindern denen ich heute begegne. Meine zwei Länder, Libanon und Deutschland sind in der Schreibschatztruhe ein Land und es gibt viele Werkzeuge und Poetisiertiere. Aber natürlich gibt es auch die dunklen Steine. Kriegs- und Rassismuserfahrungen.


In meiner Schreibschatztruhe befinden sich Hinweise auf eine Facette meiner Arbeit: Das Erfinden von Kinderbuchsprachen.

Und wer mag, kann nun in mein neuestes Buch schauen und in den poetischen Auswirkungen schmökern, diesmal ganz ohne "Problemthemen" aka dunkle Steine.



[1] Vgl.: https://www.zdf.de/kinder/logo/sprache-gegen-rassismus-100.html [2] https://de.wikipedia.org/wiki/White_Supremacy [3] Wikipedia, Person of Color (Plural: People of Color „Menschen von Farbe“), oft als PoC abgekürzt, auch BPoC (Black and People of Color) oder BIPoC (Black, Indigenous and People of Color) sind Begriffe aus dem anglo-amerikanischen Raum und beschreiben jene Individuen und Gruppen, die vielfältigen Formen von Rassismus ausgesetzt sind und die die „gemeinsame, in vielen Variationen auftretende und ungleich erlebte Erfahrung (teilen), aufgrund körperlicher und kultureller Fremdzuschreibungen der weißen Dominanzgesellschaft als ‚anders‘ und ‚unzugehörig‘ definiert [zu] werden.“[1][2][3][4][5] Der Begriff wird in Deutschland sowohl aktivistisch als auch wissenschaftlich verwendet. [4] https://taz.de/Autorin-Olivia-Wenzel-ueber-Identitaet/!5666451/ [5] Transkript aus Textland l 24.10.20 Aufzeichnung https://www.youtube.com/watch?v=fnwvmUaLMQE [6] Mehrnoush Zaeri-Eshfahani, in: Cennamo, Peterlini (Hg.) Menschenbilder in der Weiterbildung, Meran 2018 [7] http://www.zaeri-autorin.de/angebote/denkwerkstatt-gemeinsam-leben-aber-wie-zusammenhalt-in-der-diversen-gesellschaft/ [8] Mehrnoush Zaeri-Eshfahani, Denkwerkstatt online vom 20.8.20 Gemeinsam leben – Aber wie?, Mitschrift. [9] Mehrnoush Zaeri-Eshfahani, in: Cennamo, Peterlini (Hg.) Menschenbilder in der Weiterbildung, Meran 2018 [10] Mehrnoush Zaeri-Esfahani: 33 Bogen und ein Teehaus und Mondmädchen.

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